„Staatsmänner haben Brücken gebaut“

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Rede des Kanzlers anlässlich der Einweihung der Helmut-Kohl-Straße und Rue François Mitterrand
„Staatsmänner haben Brücken gebaut“

Bundeskanzler Merz hat zur Einweihung der Helmut-Kohl-Straße und der Rue François Mitterrand in Saarlouis die enge Freundschaft der beiden ehemaligen Staats- und Regierungschefs als Symbol für die deutsch-französische Freundschaft gewürdigt.

Montag, 28. September 2026
Bundeskanzler Merz und weitere Teilnehmer bei der Einweihung der Helmut-Kohl-Straße und Rue François Mitterrand vor den Straßenschildern mit den Flaggen Deutschlands und Frankreichs in der Hand.

„Europa ist die Lösung“, betonte der Bundeskanzler bei der bei der Einweihung der Helmut-Kohl-Straße und Rue François Mitterrand in Saarlouis.

Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel

Bundeskanzler Friedrich Merz hat an der Einweihung der Helmut-Kohl-Straße und der Rue François Mitterrand in Saarlouis teilgenommen und mit einer Rede gewürdigt. Dabei betonte er: „Europa ist die Lösung. Europa ist der Weg, mit dem wir unsere Art zu leben sichern“. Die enge Partnerschaft zwischen Deutschland und Frankreich sei von zentraler Bedeutung für die Handlungsfähigkeit Europas und müsse immer wieder mit Leben gefüllt werden.

Die nach François Mitterrand und Helmut Kohl benannten Straßen treffen auf einer Brücke über die Saar in der Stadt Saarlouis aufeinander. Für Merz ist dies ein starkes Symbol für die Brücken, die beide Staatsmänner zwischen Deutschland und Frankreich gebaut haben. Mit Blick auf das berühmte Bild von Mitterrand und Kohl in Verdun betonte er zudem die Bedeutung solcher Zeichen: Sie machten spürbar, was sich mit Worten nur schwer ausdrücken lasse, und erinnerten daran, was für Frieden, Freiheit und ein geeintes Europa auf dem Spiel steht.

Die deutsch-französischen Beziehungen haben für die Bundesregierung einen hohen Stellenwert. Beide Länder unterhalten auf allen Ebenen der Regierungszusammenarbeit enge und vertrauensvolle Verbindungen. Die Geschlossenheit und enge Verbundenheit ging auch vom Deutsch-Französischen Ministerrat Ende Juli 2026 aus. Diese Freundschaft ist und bleibt für die Handlungsfähigkeit Europas von größter Bedeutung.

Lesen Sie hier die Mitschrift der Rede:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Marc Speicher,
lieber Jérôme Spinoza,
liebe Gäste aus Frankreich, aus Luxemburg, aus Italien,
liebe Freundinnen und Freunde der deutsch-französischen Freundschaft,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag und dem saarländischen Landtag,
meine Damen und Herren,

herzlichen Dank für die sehr freundliche Begrüßung. Was für ein wunderbarer Rahmen, vor allem mit den Kindern und mit den Schülerinnen und Schülern! Ganz besonders herzlichen Dank an euch, dass ihr dabei seid und heute für diese Feierstunde den musikalischen Rahmen gebt.

Und was für ein wunderbares Symbol! Diese Stadt – Marc Speicher hat es gesagt: seit 2006 Europastadt – benennt eine Straße nach einem großen französischen Staatspräsidenten und wählt dafür eine Straße aus, die in eine bestehende Straße mündet, die bereits den Namen eines großen deutschen Bundeskanzlers trägt. Beide Straßen weihen wir heute ein. 

Beide Straßen tragen den Namen großer europäischer Staatsmänner, François Mitterrand und Helmut Kohl, die beide Brücken gebaut haben und Brücken gefestigt haben zwischen zwei Nationen, die furchtbare Kriege, fürchterliche Erfahrungen von Gewalt, Rachegedanken und tiefes Misstrauen voneinander getrennt haben. Wo treffen heute diese beiden Straßen aufeinander? Mitten auf einer Brücke, hier auf dieser Brücke über die Saar.

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, Politik und historischer Fortschritt brauchen Symbole. Sie machen sinnfällig und überhaupt erst spürbar, was sich vielleicht mit Worten nur in Grenzen sagen und mit vielen Worten kaum aussprechen lässt. Ein unvergessliches Symbol ist jene Geste von Verdun, die diese beiden Männer miteinander gefunden haben: François Mitterrand und Helmut Kohl reichen sich über den Gräbern hunderttausender Gefallener die Hand, halten einander die Hand, während sie nebeneinander stehend der unzähligen jungen Männer beider Länder gedenken, die sinnlos ihr Leben verloren haben.

Dieses Bild – so kann man es heute wohl sagen – ist eine Ikone der Geschichte des 20. Jahrhunderts geworden, für meine Generation jedenfalls zu einem der politischen Bilder schlechthin, zu einem Symbol für die menschliche Fähigkeit zum Frieden. Das war 1984.

Lieber Marc Speicher, ich habe in dieser Zeit im Saarland gelebt – ich gebe zu: in Saarbrücken. Aber ich habe diese Zeit auch genutzt, um das erste Mal überhaupt nach Verdun zu reisen und anzuschauen, was dort bis heute ausgestellt ist. Es war kein Geringerer als der luxemburgische Ministerpräsident, der einmal gesagt hat: Wer Europa verstehen will, der soll die Gräber von Verdun anschauen.

Aber wahr ist auch: Schon die heute 50-Jährigen haben die Emotionen, die wir damals geteilt haben, die die Zeitgenossen damals mit diesem Bild und mit dieser Geste verbunden haben, nicht erlebt und nicht empfinden können. Noch weit älter muss man sein, um noch gefühlt zu haben, wie sehr beide Kriege in Europa die eigenen Familien geprägt und auch traumatisiert haben.

Das wiederum zeigt: Wir müssen immer wieder neu solche Symbole finden und zugleich immer wieder neu auch die Worte, die uns deutlich machen, was auf dem Spiel steht – was auf dem Spiel steht, solange wir als Menschen mit allen unseren Fehlern in einer unvollkommenen Welt leben.

Ja, es scheint uns heute in der Tat undenkbar, dass Deutsche und Franzosen gegeneinander Krieg führen. Aber es ist nicht undenkbar, dass wir vergessen, wie sehr der europäische Friedenszustand, den wir – sagen wir doch, wie es ist – historisch einmalig gegenwärtig erleben, abhängt von der Einigkeit in Europa; noch mehr: wie er abhängt von der Weiterentwicklung dieses Europas, von der Einigkeit, von einer Vertiefung dieser Einigkeit.

Diese Vertiefung braucht immer wieder neu mit Leben gefüllte Partnerschaft zwischen zwei großen Volkswirtschaften, zwischen diesen beiden großen Volkswirtschaften und diesen zwei starken Ländern Europas, Deutschland und Frankreich.

Mit Leben gefüllt, das heißt auch, dass nicht nur zwei Straßen auf einer Brücke aufeinandertreffen, sondern dass immer neu Menschen beider Länder aufeinandertreffen und unzählige Brücken zwischen unseren Nationen bauen.

Es gehört zu dem vielen Guten in unserem Land, das wir oft nicht genug würdigen, dass es in großer Zahl diese Menschen gibt, dass es dieses Aufeinandertreffen in vielfältiger Weise gibt, auch über die Kontakte dieser Stadt Saarlouis mit ihren Städtepartnerschaften und Freundschaften, über diese vielen Initiativen, die heute hier auch vertreten sind, und über das alltägliche Leben in dieser europäischen Großregion Saar-Lor-Lux, in der Europa ein Lebensgefühl und eine Lebenspraxis im Alltag ist.

Wir brauchen, meine Damen und Herren, dieses europäische Gefühl, weil wir jede Ressource brauchen, die uns heute hilft, es wirklich erneut zu verstehen: Europa ist die Lösung. Europa ist der Weg, mit dem wir unsere Art zu leben sichern, nämlich frei, solidarisch, in rechtlicher Gleichheit und selbstregierend und dabei Minderheiten schützend, wie wir diese Art zu leben in der Welt heute verteidigen und bewahren können.

Sagen wir, wie es ist: Europa wird heute angegriffen. Wir sagen „hybrid“. Aber das Wort beginnt schon nach Verharmlosung zu klingen. Die Werte, für die Europa steht, haben auch nach 1990 eben nicht die ganze Welt erobert. Im Gegenteil: Diese Werte ziehen Hass auf sich, und deshalb ist Europa bedroht.

Nur gemeinsam kann sich Europa gegen diese Bedrohung verteidigen. Manche Dinge werden lange gesagt, bevor sie tatsächlich beherzigt werden. Manche Einsichten bleiben lange bloße Worte, bevor sie im politischen Handeln wirksam werden. Wir stehen in Europa jetzt endlich an einem solchen Punkt. Europa hat endlich begonnen, für seine eigene Sicherheit, für die Sicherung seiner Freiheit, für die Souveränität Europas das Nötige zu tun. Wir beginnen endlich, den europäischen Pfeiler der NATO wirklich zu stärken.

Aber der Weg von der Machtvergessenheit zur Friedensmacht Europa ist weit. Manche bekämpfen ihn als Aufrüstung, wie in den 80er-Jahren die Aufrüstung damals zur Abschreckung der Sowjetunion bekämpft worden ist. Aber so wie damals ist auch heute dieser Weg notwendig. Kohl und Mitterrand hätten das gewusst, und sie würden, trügen sie heute Verantwortung, auch diesen Weg gehen. Sie liebten die Freiheit, und sie wollten den Frieden, aus ganz unterschiedlichen politischen, parteipolitischen Richtungen kommend. Aber sie wussten auch, dass es Freiheit und Frieden auf dieser Welt nur gibt, wenn sie geschützt werden.

Wir wollen uns verteidigen können, damit wir uns nicht verteidigen müssen. Dieser Satz bleibt unverändert richtig. Zugleich sehen wir in diesen Monaten einmal mehr – wie heißt es so schön –: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.

Europa besinnt sich jetzt auf seine Stärken und auf das wirklich Wichtige. Der Druck, unter dem Europa, auch andere freie Länder dieser Welt, stehen, führt dazu, dass neue Gemeinsamkeiten gefühlt und neue Allianzen geschlossen werden. Auch alte Gemeinsamkeiten werden neu gefühlt. Wer hätte das vor einigen Jahren gedacht? Kanada wendet sich Europa zu. Auch Australien und Neuseeland am anderen Ende der Welt wollen, aus ihrer Geschichte historisch und ideell so viel in Verbindung mit uns, neu an Europa heranrücken. Überall in der Welt will man mit Europa regelbasiert und verlässlich Handel treiben.

Und wir in Europa? Wir strecken neu allen die Hand aus, die unsere Werte teilen. Europa ist Teil des Westens. Wie der Westen, so ist auch Europa nicht in erster Linie ein geografisches, sondern ein normatives Projekt, ein Projekt von gemeinsamen Werten. Deshalb warten große Chancen auf ein Europa, das sich mit den freien Ländern dieser Welt verbindet und verbündet.

Ergreifen wir also all diese Chancen, die sich uns heute neu zeigen. Diese Zeit, in der unser Europa unter Druck steht, vielleicht wie noch nie seit seiner Gründung, kann Europa zu einer neuen Blüte führen, zur neuen Blüte europäischer Freiheit, zur neuen Blüte europäischen Rechts, zur neuen Blüte europäischen Friedens, auch zur neuen Blüte europäischen Wohlstands.

Das ist möglich. Unsere Väter und Vorfahren haben uns das eindrucksvoll gezeigt. Das ist erreichbar. François Mitterrand und Helmut Kohl haben sich genauso wie vor ihnen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle auf diesen Weg gemacht. Sie haben diese Chancen ergriffen. Tun wir es heute bitte auch.

Dank an die Stadt, Dank an alle diejenigen, die zu dieser großartigen Initiative beigetragen haben, Dank an alle diejenigen, die in diesem Geist europäisch in dieser Stadt und in dieser Region leben. Herzlichen Dank, Herr Oberbürgermeister, noch einmal für die Gelegenheit, dies hier heute zu sagen.

Ich wünsche uns Europäern in diesem Sinne Freiheit, Frieden, eine gerechtere Welt, in der wir leben, hier, mitten in Europa. 

Herzlichen Dank.