„Haben gezeigt, dass wir als Europäer handlungsfähig sind“ 

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Pressekonferenz des Bundeskanzlers nach dem Europäischen Rat  „Haben gezeigt, dass wir als Europäer handlungsfähig sind“ 

Bundeskanzler Merz hat nach dem Europäischen Rat die gemeinsam erzielten Fortschritte in Haushaltspolitik, Wettbewerbsfähigkeit, der EU-Erweiterungspolitik und für die Ukraine hervorgehoben. Auch zur Situation im Nahen und Mittleren Osten habe man sich ausgetauscht.

  • Mitschrift Pressekonferenz
  • Freitag, 19. Juni 2026
Bundeskanzler Merz am Rednerpult beim Europäischen Rat.

Beim Europäischen Rat habe man über eine Reihe von Themen gesprochen, „die für die Europäische Union von großer Bedeutung sind“, sagte Merz im Anschluss.

Foto: Bundesregierung/Steffen Kugler

Bundeskanzler Friedrich Merz hat nach den Beratungen beim Europäischen Rat ein positives Fazit gezogen und die zentralen Weichenstellungen für die Zukunft Europas hervorgehoben. Er betonte die Notwendigkeit eines realistischen EU‑Finanzrahmens, die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, neue handelspolitische Schutzmechanismen sowie eine eng koordinierte europäische Linie im Ukraine‑Krieg. 

Besonders wichtig sei, so Merz, dass Europa handlungsfähig bleibt – in der EU wie im G7‑Format. Im Mittelpunkt standen außerdem die Fortschritte bei der EU‑Erweiterung, die Vorbereitung möglicher Friedensgespräche zur Ukraine und die Lage im Nahen Osten. Bundeskanzler Merz betonte, dass der zwischen den USA und Iran ausgehandelte Waffenstillstand im Süden des Libanon dringend eingehalten werden müsse.

Das Wichtigste in Kürze: 

  • EU-Finanzen: Für Bundeskanzler Friedrich Merz stehe die Europäische Union vor entscheidenden Monaten – finanziell, wirtschaftlich und geopolitisch. Der mehrjährige Finanzrahmen (MFR) sei dabei zentrales Thema. „Der Vorschlag, den wir zurzeit haben, ist aus deutscher Sicht unbezahlbar und auch unausgewogen“, sagte Merz. Deutschland erwarte von der kommenden irischen Ratspräsidentschaft einen deutlich schlankeren Entwurf, um 2026 zu einer Einigung zu gelangen und Planungssicherheit ab 2028 zu gewährleisten.
  • EU-Wettbewerbsfähigkeit und -Handelspolitik: Wettbewerbsfähigkeit sei „ein zentrales Thema, das jetzt auf jedem Europäischen Rat besprochen und auch vorangetrieben wird“, kündigte der Bundeskanzler an. Besonders wichtig sei, die „bürokratischen Lasten für unsere Unternehmen und auch für die Bürgerinnen und Bürger“ zu reduzieren, so Merz. Bundeskanzler Merz appellierte auch, dass die EU im internationalen Handel entschlossener auftreten müsse. Europa müsse sich als größter Binnenmarkt der Welt besser vor „marktverzerrenden Praktiken und Ungleichgewichten“ schützen. Der Europäischen Union müssten „wirksame Instrumente zur Verfügung stehen, um ihre Interessen auf der Welt effektiv zu verteidigen“, sagte Merz.
  • Ukraine: Von besonderer Bedeutung auf diesem Europäischen Rat war der Austausch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Gemeinsam mit Präsident Selenskyj wurden bereits „Eckpunkte für mögliche Friedensgespräche formuliert“. Die Botschaft an Russland sei laut Merz eindeutig: „Es ist jetzt an der Zeit, in ernsthafte Verhandlungen einzutreten. Es liegt nur noch an Moskau.
  • EU-Erweiterung: Bundeskanzler Merz lobte die erzielten Fortschritte bei der Erweiterung der Europäischen Union. Für die Ukraine und Moldau wurde das erste Cluster der Verhandlungskapitel bereits am 15. Juni geöffnet, weitere sollen folgen. Er strebe beim nächsten Europäischen Rat im Oktober eine Grundsatzdebatte darüber an, „wie wir die Beitrittsprozesse beschleunigen können“, so der Kanzler.

Lesen Sie hier die Mitschrift der Pressekonferenz:

Bundeskanzler Friedrich Merz:

Meine Damen und Herren, vielen Dank für Ihr Kommen! Wir haben die Beratungen nach fast 20 Stunden heute und gestern abgeschlossen. Wir haben bei diesem Gipfel eine ganze Reihe von wichtigen Themen besprochen, die für die Europäische Union insgesamt von großer Bedeutung sind.

Lassen Sie mich mit dem Mehrjährigen Finanzrahmen beginnen. Das hat für uns eine große Priorität; denn wir wollen ja versuchen, noch im Jahr 2026 zu einem Abschluss zu kommen, weil wir dann auch Planungssicherheit für die Zeit ab 2028 haben. Ich will allerdings auch dazusagen: Der Vorschlag, den wir zurzeit haben, ist aus deutscher Sicht unbezahlbar und auch unausgewogen. Der nächste Vorschlag, den wir dann in der nächsten Präsidentschaft erwarten, muss deutlich unter dem gegenwärtigen Vorschlag liegen. Die irische Ratspräsidentschaft ist gebeten, einen akzeptablen Vorschlag vorzulegen. Wir werden uns natürlich konstruktiv in die Debatten der nächsten Wochen einbringen.

Bereits gestern ging es um die Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union. Für uns alle ist das ein zentrales Thema, das jetzt auf jedem Europäischen Rat besprochen und auch vorangetrieben wird. Die Kommissionspräsidentin legt vor jedem Europäischen Rat einen sogenannten Fortschrittsbericht vor, auf dessen Grundlage wir dann auch gegebenenfalls nachsteuern können. Ich bin sehr dankbar, dass wir alle zusammen ein Verständnis darüber haben, dass wir in diesem Jahr und im nächsten Jahr zu einigen Entscheidungen kommen müssen, die auch dieses Thema einschließlich der gesamten bürokratischen Lasten für unsere Unternehmen und auch für die Bürgerinnen und Bürger in den Blick nehmen.

Im engen Zusammenhang damit steht auch das Thema globale ökonomische Ungleichgewichte. Wir waren uns einig, dass wir uns als größter Binnenmarkt der Welt vor marktverzerrenden Praktiken und Ungleichgewichten besser schützen müssen. Wir haben ein Gewicht auf der Welt, und das wollen wir auch einsetzen. Wir haben der Europäischen Kommission vor diesem Hintergrund zwei Aufträge auf den Weg gegeben: Erstens soll die Kommission weiterhin selbstbewusst die Interessen der Europäischen Union im konstruktiven Dialog mit unseren Handelspartnern verteidigen. Zweitens soll die Kommission unsere Handelsschutzinstrumente nachschärfen und um weitere Instrumente ergänzen. Der Europäischen Union müssen wirksame Instrumente zur Verfügung stehen, um ihre Interessen auf der Welt effektiv zu verteidigen.

Von besonderer Bedeutung war diesmal unser Austausch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er hat uns sehr ausführlich von den Entwicklungen an der Front berichtet. Die Lage hat sich dort in den letzten Wochen zugunsten der Ukraine verschoben. Es ändert sich die gesamte Dynamik dieses schrecklichen Krieges. Wir haben beraten, wie wir auf dem Weg zu einem Frieden in der Ukraine vorankommen. Mir war wichtig, hier ins Zentrum zu stellen, dass es jetzt wirklich um die Substanz der diplomatischen Bemühungen geht. Wir haben wichtige Fortschritte gemacht. Keir Starmer, Emmanuel Macron und ich haben mit Wolodymyr Selenskyj ja schon in London vor einigen Tagen Eckpunkte für mögliche Friedensgespräche formuliert. Es gibt dafür sehr breite Unterstützung im Kreis der europäischen Staats- und Regierungschefs.

Wir waren uns auch beim G7-Gipfel in Évian zu Beginn dieser Woche erstmals in seiner zweiten Präsidentschaft mit Präsident Trump einig: Wir wollen gemeinsam unsere Unterstützung für die Ukraine verbessern und den Druck auf Moskau noch einmal erhöhen. Die Botschaft an Russland ist klar: Es ist jetzt an der Zeit, in ernsthafte Verhandlungen einzutreten. Es liegt nur noch an Moskau. Diese Fortschritte, die wir gemeinsam mit Amerika im G7-Format erzielt haben, begrüßen auch die europäischen Partner.

Wir haben uns auch über das mögliche Format miteinander verständigt. Verhandlungen zu einem Frieden müssen am Ende die Ukraine, Russland, Europa und die USA führen. Wer dabei für Europa spricht, ist jetzt nicht zu entscheiden. Erst müssen wir in der Sache einig sein; dann klären wir die Formate eins nach dem anderen.

Auch beim Thema Erweiterung gibt es eine positive Dynamik. Letzte Woche haben wir das erste Cluster der Verhandlungskapitel für die Ukraine und für Moldau eröffnet. Gestern haben wir angestoßen, dass auch die anderen Cluster angegangen werden. Auf meinen Wunsch werden wir beim Europäischen Rat im Oktober ausführlicher über das Thema sprechen, insbesondere was den sogenannten westlichen Balkan betrifft. Mir ist wichtig, dass wir nicht entscheiden, ob wir die Beitrittsprozesse beschleunigen, sondern dass wir entscheiden, wie wir die Beitrittsprozesse beschleunigen können.

Schließlich gab es über Mittag noch eine ausführliche Diskussion zur Lage im Nahen Osten. Wir sind uns in der Bewertung einig: Es ist jetzt dringend erforderlich, dass der zwischen den USA und dem Iran ausgehandelte Waffenstillstand auch im Süden des Libanon hält. Wir rufen die israelische Regierung auf, von einer weiteren Eskalation durch den Siedlungsbau im Westjordanland abzusehen. Ich habe dies auch immer wieder in meinen Gesprächen mit Präsident Netanjahu deutlich gemacht. Wir haben auch Handelsmaßnahmen gegen Israel diskutiert. Diese Vorschläge habe ich für die Bundesregierung abgelehnt.

Ich will abschließen: Wir haben intensive Diskussionen auf zwei großen internationalen Formaten in dieser Woche geführt, sowohl in den G7 als auch im Europäischen Rat. Ich habe gerade eben Präsident Macron noch einmal für seine sehr erfolgreiche Präsidentschaft im G7-Format gedankt. Dass wir in dieser Woche so gut und so einvernehmlich miteinander ein umfassendes Leaders‘ Statement abgeben konnten, ist ganz maßgeblich sein Verdienst, aber auch das Ergebnis einer guten Abstimmung auf der europäischen Seite. Die Mitglieder aus der Europäischen Union, die in der G7-Gruppe vertreten sind – Frankreich, Italien und Deutschland –, sind von Anfang an sehr gut koordiniert gewesen. Wir haben das auch gemeinsam mit Großbritannien gut vorbesprochen. Ich gehe davon aus, dass wir diese Zusammenarbeit in den nächsten Wochen und Monaten auch fortsetzen.

Wir werden, wenn es um die Ukraine geht, natürlich auch immer wieder mit Polen sprechen. Ich will das ohnehin einmal betonen: Es gibt kein Format und keine Gespräche, die ich führe, ohne auch gleichzeitig immer wieder kleinere und mittlere Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu informieren – insbesondere dann, wenn sie unmittelbar selbst regional betroffen sind, wie zum Beispiel die Anrainerstaaten in Osteuropa.

Insofern haben wir, glaube ich, gezeigt, dass wir als Europäer handlungsfähig sind, und zwar sowohl im großen Format der G7 als auch in der großen Runde der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union. Ich fahre in dieser Woche nach intensiven Beratungen in dem Gefühl nach Hause, dass die internationale Zusammenarbeit sowohl in Europa als auch im G7-Format gut funktioniert. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir unseren Beitrag zu nicht mehr und nicht weniger als zum Frieden auf der Welt leisten. – Herzlichen Dank.