Pressekonferenz von Bundeskanzler Merz und dem Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj
Bundeskanzler Merz hat den ukrainischen Präsidenten Selenskyj in Berlin empfangen. Im gemeinsamen Pressestatement versicherte er, die Ukraine könne sich weiter auf Deutschland verlassen und appellierte an die europäischen Partner, die zugesagte militärische Hilfe zu leisten.
- Mitschrift Pressekonferenz
- Dienstag, 3. November 2026
Bundeskanzler Merz erklärte die Absicht, weitere Winterhilfen für die Ukraine bereitstellen zu wollen.
Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Berlin hat Bundeskanzler Friedrich Merz die weitere Unterstützung Deutschlands bekräftigt. Selenskyjs Besuch falle in einem sehr wichtigen Augenblick: In den kommenden Tagen stehen direkte Gespräche zwischen der Ukraine und Russland an, während Russland seine Angriffe unvermindert fortsetze.
Als größter Unterstützer der Ukraine trage Deutschland Verantwortung, denn der Ausgang des Krieges werde auch die Sicherheit Europas prägen. „Unsere Botschaft an Russland lautet deshalb: Es ist Zeit für ein Ende dieses Krieges“, so Merz.
Das Wichtigste in Kürze:
- Winterhilfe und Energie: Vor dem Winter sei Unterstützung bei der Luftverteidigung und im Energiesektor für die Ukraine wichtig, sagte der Bundeskanzler. Für beide Bereiche seien bereits bei seinem Besuch in Kyjiw Anfang Oktober weitere Hilfen auf den Weg gebracht worden. Merz bekräftigte die Absicht der Bundesregierung, noch für dieses Jahr weitere Winterhilfe und Energieunterstützung ermöglichen zu wollen.
- Koalition der Willigen: In der übernächsten Woche wolle Deutschland gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien einen Gipfel der Koalition der Willigen ausrichten, kündigte Kanzler Merz an. Drei Ziele stünden dabei im Zentrum: erstens die Koordinierung weiterer Hilfen, zweitens die Bekräftigung der Bereitschaft zu Sicherheitsgarantien für die Ukraine nach einem Waffenstillstand und drittens die weitere Abstimmung zu den diplomatischen Friedensbemühungen.
- Solidarität der Partner: In der NATO habe man sich auf 70 Milliarden Euro militärische Ukraine-Unterstützung für 2026 geeinigt. Dieser Verpflichtung müssten nun auch alle Partner nachkommen, sagte Bundeskanzler Merz, der an die Verantwortung aller Europäer appellierte. Russland müsse zeigen, dass es zu ernsthaften Verhandlungen bereit ist. Der regionale Waffenstillstand in Oleschky könne Vorbild sein für einen Waffenstillstand im Energiesektor und im Schwarzen Meer, unterstrich Merz.
Sehen Sie hier die Pressekonferenz im Video:
Video
Lesen Sie hier die Mitschrift der Pressekonferenz:
(Die Protokollierung des fremdsprachlichen Teils erfolgte anhand der Simultandolmetschung.)
Bundeskanzler Friedrich Merz:
Sehr geehrter Präsident, lieber Wolodymyr, herzlich willkommen in Berlin! Wir haben uns genau vor einem Monat in Kyjiw getroffen, heute sehen wir uns hier. Dieser Besuch erfolgt zu einem sehr wichtigen Augenblick. Denn Russland setzt seine Angriffe mit unverminderter Härte und Rücksichtslosigkeit fort. Zugleich stehen in den nächsten Tagen wichtige Gespräche, direkte Gespräche zwischen der Ukraine und Russland, an.
In dieser fordernden Zeit kann sich die Ukraine weiter und unvermindert auf Deutschland verlassen. Wir setzen unsere Unterstützung unvermindert fort. Vor dem kommenden Winter sind zwei Dinge wichtig: die Luftverteidigung und der Energiesektor. Wir haben für beides in Kyjiw weitere Hilfen auf den Weg gebracht, die wir nun umsetzen. Wir wollen konkret noch in diesem Jahr weitere Winterhilfe und Unterstützung bei der Energieversorgung möglich machen.
Auch die deutsche Wirtschaft steht bereit. Diese Zusammenarbeit werden wir am 20. November beim neunten deutsch-ukrainischen Wirtschaftsforum in Berlin weiter vertiefen. Das liegt im Interesse beider Seiten. Ich will auch hier einmal ausdrücklich mit großem Dank sagen: Es gibt eine große Zahl von deutschen Unternehmen, die sich in der Ukraine engagieren. Es hat nicht ein einziges Unternehmen aus Deutschland die Ukraine nach dem Beginn des Krieges im Februar 2022 verlassen. Im Gegenteil: Es sind viele neue hinzugekommen. Ich bin ausgesprochen dankbar, dass sich die deutsche Wirtschaft ebenso engagiert und bereit zeigt, der Ukraine zu helfen.
Lieber Wolodymyr, Deutschland übernimmt als größter Unterstützer der Ukraine genau diese Verantwortung. Wir tun dies, weil uns dieser Krieg direkt betrifft. Der Ausgang dieses Krieges wird die europäische Sicherheit für lange Zeit prägen. Unsere Unterstützung der Ukraine ist deshalb im deutschen und im europäischen Interesse.
Klar ist aber auch: Alle Europäer tragen Verantwortung, nicht nur die Deutschen. Wir haben uns in der NATO auf eine militärische Unterstützung der Ukraine für das Jahr 2026 in Höhe von 70 Milliarden Euro verständigt. Wir müssen auch dafür sorgen, dass alle Partner dieser Verpflichtung nachkommen. Wir werden deshalb in der übernächsten Woche mit Frankreich und Großbritannien einen Gipfel der Koalition der Willigen hier in Berlin ausrichten. Dabei stehen drei Ziele im Vordergrund: Erstens werden wir weitere Hilfe für die Ukraine koordinieren. Zweitens werden wir unsere Bereitschaft bekräftigen, nach einem Waffenstillstand Sicherheitsgarantien für die Ukraine zu leisten. Eine entsprechende Militärübung beginnt in diesen Tagen. Das wird ein entscheidender Baustein einer Friedenslösung sein. Drittens werden wir uns weiter zu den diplomatischen Bemühungen abstimmen, die ja praktisch jeden Tag laufen.
Unsere Botschaft an Russland lautet deshalb: Es ist Zeit für ein Ende dieses Krieges. Der regionale Waffenstillstand in Oleschky kann Vorbild sein für einen Waffenstillstand zu Energie und im Schwarzen Meer. Russland hat dies bis jetzt hartnäckig verweigert. Russland riskiert mit seinen Angriffen im Schwarzen Meer eine weitere Eskalation. Russland beschwört eine weltweite Nahrungsmittelkrise herauf zu Lasten der ärmsten Staaten und Länder der Welt.
Eine neue Runde von Friedensgesprächen ist deshalb der richtige Schritt. Europa muss und will in diesem Prozess eine Rolle spielen. Zentrale Elemente einer Friedenslösung, sei es zu Sanktionen oder zur Sicherheitsarchitektur, können nur mit uns Europäern gelöst werden; das wissen alle Beteiligten sehr genau. Es ist jetzt an Russland zu zeigen, dass Russland zu ernsthaften Verhandlungen bereit ist. Wir werden bis dahin den Druck auf Moskau erhöhen und die Ukraine weiter mit aller Kraft unterstützen.
Wir halten Kurs auf Frieden für die Ukraine und Sicherheit in ganz Europa, und – lassen Sie mich dies noch einmal ausdrücklich sagen – wir unterstützen die Ukraine aus unserem Interesse. Wir tun es, weil es für unsere Sicherheit, für die politische Stabilität und die Friedensordnung in ganz Europa wichtig ist. Ich werbe auch dafür, dass die Mehrheit der Deutschen versteht, dass wir dieses tun. Wir tun es aber auch aus der tiefen Überzeugung, dass militärische Gewalt in Europa nicht zu einer Veränderung der Grenzen führen darf.
Lieber Wolodymyr, du hast Deutschland und die deutsche Bundesregierung unvermindert an deiner Seite. Wir tun alles, um diesen Krieg zum möglichst frühen Zeitpunkt zu einem Ende zu bringen.
Herzlichen Dank für deinen Besuch in Berlin.
Präsident Wolodymyr Selenskyj:
Vielen Dank, Friedrich. Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Anwesenden, sehr geehrte Journalistinnen und Journalisten, zunächst möchte ich Deutschland, dem Herrn Bundeskanzler persönlich und der gesamten Regierung Deutschlands sowie allen Deutschen für die sehr spürbare, sehr wichtige Unterstützung der Ukraine und der Ukrainerinnen und Ukrainer danken. Seit den ersten Tagen des vollumfänglichen Krieges kann die Ukraine damit rechnen, dass die Deutschen nicht gleichgültig bleiben und die Ukraine tatsächlich unterstützen. Die Unterstützung bei der Luftabwehr, die Unterstützung unserer Resilienz, unserer Energiewirtschaft und unseres Staates insgesamt zeigen, dass die europäischen Positionen ohne Deutschland nicht so stark wären. Obwohl heute viele auf der Welt die Ereignisse in den USA verfolgen werden: Die Rolle Europas, die Rolle Deutschlands, die Bedeutung unserer Zusammenarbeit mit Deutschland, bleiben wichtig; der Bundeskanzler und ich werden sicherlich nicht unbeachtet bleiben. Ich sehe, wie viele Menschen die Ukraine unterstützen, wie viele Menschen starke Beziehungen zwischen unseren Staaten, zwischen der Ukraine und Europa möchten.
Ich habe Friedrich über die Situation in der Ukraine, vor allem an der Front, unterrichtet. Jeden Tag tätigt Russland Angriffe gegen unsere Energiewirtschaft, gegen unsere Städte und Dörfer. Heute hat ein nächster massiver Angriff mit Marschflugkörpern, mit ballistischen Raketen stattgefunden. Mehr als ein Tag dauert der Einsatz in Komyschuwacha im Gebiet Saporischschja an. Gestern fanden dort mehrere Angriffe mit Fliegerbomben statt. Fünf Menschen konnten gerettet werden. Über 50 Personen sind immer noch nicht aufgefunden worden. Es sind schreckliche Angriffe in diesem Krieg. Das passierte sofort nach dem humanitären Einsatz in Oleschky. Wir hatten Russland angeboten, den Waffenstillstand, die Feuerpause in Oleschky, weiterzuführen. Das war die Antwort ‑ neue Angriffe, neue Schläge, neue Morde an unseren Menschen. Es ist wichtig, dass Deutschland in dieser Zeit an unserer Seite ist. Wir danken dafür. Wir sind bereit, auch weiter darüber zu sprechen.
Wir haben mit Friedrich Hilfspakete und Lösungen besprochen, die wir brauchen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es, wie Friedrich gesagt hat, eine Winterunterstützung, eine Winterhilfe geben wird. Wir haben auch über weitere Unterstützung gesprochen, über das, was relevant und wichtig ist, über einen großen Mangel in der Luftabwehr, über die Versorgung mit PAC-2- und PAC-3-Raketen sowie mit IRIS-T. Wir sind sehr dankbar für diese Unterstützung und auch für die Unterstützung unserer Flotte mit F-16. Wir danken dafür. Das brauchen wir. Das benötigen wir vor allem für die Verteidigung gegen den russischen Terror, gegen die Shahed-Drohnen. Wir haben ein neues Unterstützungspaket für unsere F-16 besprochen. Vielen Dank dafür.
Der andere Aspekt ist die Diplomatie. Wir erwarten die Wiederaufnahme des trilateralen Formats. Am 10. und 11. November werden sich unsere Arbeitsteams treffen. Wir rechnen damit, dass dieses und weitere solcher Treffen den Weg für ein trilaterales Format auf Ebene der Staats- und Regierungschefs eröffnen werden. Dieses Format kann Schlüssellösungen für einen lang anhaltenden, stabilen Frieden und für lang anhaltende, stabile Sicherheit bereitstellen.
Wir koordinieren und stimmen uns über die wichtigsten Aspekte der Verhandlungen ab. Europa gehört zu diesem Prozess dazu, zum Prozess für den Weg zum Frieden. Es ist wichtig, dass wir eine gemeinsame Sicht auf alle Sicherheitsherausforderungen haben, darauf, wie dieser Krieg zu Ende gehen muss. Der Friede muss würdevoll sein. Nur dann kann er stabil sein.
Morgen werden in Brüssel mehrere Gespräche mit den USA stattfinden. Europa, NATO, die Ukraine werden dort auf Ebene der Arbeitsteams Erneuerungs- und Wiederaufbaupakete sowie Sicherheitsgarantien besprechen.
Der dritte Punkt sind unsere gemeinsamen Projekte, die gemeinsame Produktion, die Integration in die EU. Wir wollen in diesem Jahr sechs Verhandlungscluster für den Beitritt zur EU eröffnen. Das ist für uns sehr wichtig, sowohl als Garantie der Zukunft der Ukraine in Europa als auch für die moralische Unterstützung unserer Menschen jetzt. Die Eurointegration ist eine Motivation für uns.
Sehr dynamisch entwickelt sich unsere Zusammenarbeit im Bereich der Drohnenproduktion und in anderen Rüstungsbereichen. Wir arbeiten am Antiballistikprogramm Freyja. Europa braucht dieses Programm der Abwehr ballistischer Raketen. Dieses Programm wird sicher aufgebaut.
Wir haben über die Unterstützung der Ukraine im kommenden Jahr gesprochen. Auch für Europa ist das eine Priorität. Das wissen wir zu schätzen. Wir sind dankbar dafür, dass der Ukraine die nötige finanzielle Unterstützung bereitgestellt wird.
Ich will auch für die Einladung zum 19. November danken. Es wird ein Gipfeltreffen der Koalition der Willigen in Deutschland stattfinden.
Friedrich hat auch von der Wirtschaft gesprochen. Wir wissen, dass die deutsche Wirtschaft während dieses Krieges an unserer Seite geblieben ist. Kein Unternehmen hat die Ukraine verlassen. Wir sind der deutschen Wirtschaft dafür dankbar. Wir sind den Deutschen, den Menschen in Deutschland, dafür dankbar. Ich bin mir sicher, dass ihr während des Krieges an unserer Seite bleibt. Auch im Frieden werdet ihr an unserer Seite bleiben. Wir sind für die Unterstützung dankbar und rechnen damit, dass unsere Unternehmen zusammen für den Wiederaufbau der Ukraine arbeiten werden.
Danke. … (akustisch unverständlich)
Frage: Eine Frage an Sie, Herr Präsident, zum Treffen in Abu Dhabi nächste Woche: Was erwarten Sie? Sind bestimmte Fortschritte bei den Themen der Energie und eines Waffenstillstands zu erwarten?
Die deutsche Unterstützung ist sehr wichtig. Was könnte Berlin noch weiter tun, um die ukrainischen Positionen auf dem Gefechtsfeld und am Verhandlungstisch zu stärken?
Herr Bundeskanzler, was erwarten Sie von dem Treffen in Abu Dhabi kommende Woche? Denken Sie, dass Putin wirklich an Frieden interessiert ist?
Was die Unterstützung der Ukraine anbetrifft, unterstützt Deutschland sehr stark. Aber Russland greift die Energieinfrastruktur massiv an. Was könnte Deutschland aus Ihrer Sicht noch mehr tun, um der Ukraine zu helfen, sich gegen diese Angriffe zu schützen, um aber auch die russischen Angriffsmöglichkeiten zu schwächen?
Präsident Selenskyj: Vielen Dank für diese Frage. Die amerikanische Seite hat schon ein Signal gegeben, dass Sicherheitsgarantien für die Ukraine und ein „prosperity package“, also ein Paket für den Wiederaufbau unseres Landes, besprochen werden sollen. Mit unserem Team werden auch Fragen besprochen, die wir beim Treffen am 10. und 11. November in Abu Dhabi besprechen wollen. Das alles sind für uns Prioritäten. Ich denke, für alle normalen Menschen sollten das Prioritäten sein.
Die Energiewirtschaft, das heißt eine Feuerpause auf beiden Seiten, und auch die kritische Infrastruktur.
Zweitens das Getreide, das heißt die Entsperrung des Schwarzen Meeres. Daran sind nicht nur die Ukrainer interessiert, sondern auch Russland hat ein Interesse daran, auch andere Länder in Afrika, in Asien und unsere Partnerstaaten.
Der dritte Aspekt sind Menschen. In welchem Format können wir einen Gefangenenaustausch stärken? Alle gegen alle, das ist das, was wir wünschen, oder zumindest irgendeine Form von Gefangenenaustausch, damit die Menschen schneller nach Hause zurückkommen. Und die Staats- und Regierungschefs, also eine Vorbereitung eines Treffens im trilateralen Format auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs mit einer unbedingten Teilnahme Europas. Ich gebe Friedrich völlig recht. Wir haben diesbezüglich die gleiche Position. Es kann nicht zu einem stabilen Frieden kommen, wenn Europa nicht am Verhandlungstisch sitzt.
Bundeskanzler Merz: Ich teile die Einschätzung von Wolodymyr Selenskyj, was die Erwartungen an das Treffen in Abu Dhabi betrifft. Ich will dem Gastgeber dafür danken, dass er diese Einladung ausspricht und den Ort für dieses Treffen zur Verfügung stellt.
Ich will aber auch sagen: Es ist wichtig, dass Russland wirklich ernsthaft und endlich Verhandlungen über einen Waffenstillstand und über ein nachkommendes Friedensabkommen führt. Ich sehe das bisher nicht. Aber Sie sehen an diesem Treffen wie auch an vielen anderen, dass wir auf jeder Ebene darum bemüht sind, diesen Krieg zu einem Ende zu bringen. Wir lassen es auch an keiner diplomatischen Bemühung fehlen. Sie wissen, dass auch die Bundesregierung auf mehreren Ebenen beteiligt ist, bis hin auch zu meinem außenpolitischen Berater, der mittlerweile wirklich einen Großteil seiner Arbeitskraft darauf verwendet, diplomatische Bemühungen zu unternehmen, um diesen Krieg zu beenden. Da wird sich das Treffen in Abu Dhabi in eine ganze Reihe von Treffen einreihen, die schon stattgefunden haben und möglicherweise auch weiter stattfinden werden, so lange, bis wir zu einem Waffenstillstand kommen.
Was kann Deutschland mehr tun? Ich glaube, wir tun schon sehr viel. Wir sind mittlerweile das Land mit dem mit Abstand größten Beitrag für die Ukraine. Wichtig ist aber auch, dass wir immer wieder das Signal geben, sowohl an die Ukraine als auch an Moskau: Wir werden unsere Hilfe fortsetzen, bis dieser Krieg zu Ende ist. Ich gebe dieses Signal auch nach innen, auch in die deutsche Bevölkerung hinein. Wir tun das in unserem eigenen Interesse und im europäischen Interesse und im Interesse einer stabilen politischen Ordnung in Europa, und deswegen werden wir in unserem Engagement auch nicht nachlassen.
Frage: Herr Präsident, Sie haben gesagt, es könne keinen Frieden geben, wenn Europa nicht mit am Tisch sitze. Wie kommt es dann, dass Europa in Abu Dhabi wahrscheinlich vor der Tür sitzen wird? Verlangen Sie, dass Deutschland an den Verhandlungen mitbeteiligt wird?
Die Frage geht auch an den Bundeskanzler.
Damit verbunden habe ich die Frage, Herr Präsident, ob Sie zu einem Telefonat mit dem russischen Machthaber bereit wären oder ihn vielleicht sogar zu Verhandlungen nach Kyjiw einladen würden.
Herr Bundeskanzler, wäre es für Sie akzeptabel, wenn nach Miami zum G20-Gipfel nur der russische Machthaber eingeladen werden würde und nicht der ukrainische Präsident? Was wäre die Konsequenz?
Präsident Selenskyj: So viele Fragen! Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. – Wenn wir darüber sprechen, dass es ohne Europa keinen stabilen und nachhaltigen Frieden geben kann, so stimmt das. Denn ohne eine Stabilität, ohne Glauben, mit einer Million Kompromisslösungen und ohne die Sicherheit, dass morgen kein neuer Krieg beginnt, wird so ein Frieden unsicher sein. Der Frieden, aber vor allem die Sicherheit hat Priorität. Frieden ist nicht nur ein Wort, sondern es geht um ganz konkrete Sicherheitsgarantien, starke Streitkräfte, eine ganz konkrete und starke Finanzierung, eine konkrete Wirtschaft, die sich selbst erneuert. Die deutsche, die europäische Wirtschaft macht damit Geld, aber auch unser Land wird damit aufgebaut, von der Logistik bis hin zu einzelnen Unternehmen, Schulen und Universitäten. Das ist eine ganze Arbeitsfront. Deswegen rechnen wir damit, dass wir in der Zukunft ein Teil der Europäischen Union sein werden und somit ein Teil der Sicherheitsinfrastruktur dieser europäischen Familie. Deswegen sage ich: Einen nachhaltigen, stabilen Frieden kann es ohne diese Sicherheit nicht geben.
Die USA und Russland – bei allem Respekt den USA gegenüber ‑ können nicht darüber entscheiden, ob die Ukraine ein Mitgliedstaat der Europäischen Union werden wird. Dafür brauchen wir die Unterstützung anderer Staaten, und all diese Staaten befinden sich in Europa. Die USA brauchen wir für gemeinsame Sicherheitsgarantien von Europäern und von Amerikanern. Wenn wir von der Koalition der Willigen sprechen, so ist das auch ein Sicherheitsgarant mit einem Backstop aus den USA. So sprechen wir von der europäischen Teilhabe. Ohne Europäer können wir das nicht lösen.
Aber wir brauchen erste Schritte für die Deeskalation, und der Vermittler dieser ersten Schritte sind die USA. Dabei geht es um eine Feuerpause. Eine Feuerpause kann sogar ohne Treffen, ohne Gespräche stattfinden, wenn es auf russischer Seite diesen Wunsch gibt. Wir sehen das nicht. Sie wollen einen Dialog in dem einen oder anderen Format. Sie schlagen dieses trilaterale Format vor. Wenn es um die Deeskalation gehen soll, so können wir so ein trilaterales Treffen auch organisieren. Aber ich möchte Folgendes sagen: Wir betreiben nicht nur „advocacy“ für Europa und für die Teilhabe Europas, sondern selbst in einem trilateralen Format ist Europa anwesend, entweder über die MSC oder die nationalen Sicherheitsberater, die die Möglichkeit haben, auch Gespräche zu führen, und die auch von uns gebrieft werden oder auch am Verhandlungstisch sitzen. Es gab schon trilaterale Formate, an denen sich später auch Europa beteiligt hat. Deswegen geht es nicht ohne Europa. Wir sind sicher, dass am Ende der Krieg zu Ende gehen wird und es einen Frieden geben wird, in dem Europa eine aktive Rolle spielt.
Was die Einladung zu einem Telefonat angeht: Wir laden Putin nicht nach Kyjiw ein. 2022 sind die Russen ohne Einladung zu uns gekommen. Es hat keinen Sinn, Putin nach Kyjiw einzuladen, denn er wird nicht kommen, und eine Einladung auszusprechen, die nicht angenommen wird, ist destruktiv. Genauso ist es destruktiv, wenn ich nach Moskau eingeladen werde. Das macht Moskau ja. Damit spuckt man der ganzen Welt, die ein Ende des Krieges herbeiwünscht, ins Gesicht. Deswegen möchte niemand nach Moskau reisen; das habe ich schon gesagt.
Ein Telefonat wird Russland zweifelsohne als eine Möglichkeit ausnutzen, keine Treffen mehr durchzuführen, sich also nicht mehr für Gespräche zu treffen. Wir verstehen dieses Spiel. Dieses Spiel ist aussichtslos. Es würde ein ganz offizielles, trockenes Telefonat sein, in dem ich mir noch einmal eine historische Vorlesung vom Staatschef der Russischen Föderation anhören müsste. Konkrete Schritte dafür, wie man den Krieg beendet, muss man nicht einfach lehren oder darüber schwatzen, sondern man muss sich wirklich an den Verhandlungstisch setzen und zeigen, dass dieser Staat Unrecht hat, weil er ein Aggressor ist. Wenn wir dem Krieg ein Ende setzen wollen, müssen wir uns treffen und den ersten Schritt eingehen, eine Feuerpause.
Bundeskanzler Merz: Ich schließe mich dem an, was Präsident Selenskyj gerade gesagt hat.
Vielleicht noch eine abschließende Bemerkung zum G20-Treffen in Miami in sechs Wochen: Jedem Gastgeber steht es frei, weitere Gäste einzuladen. Wenn Präsident Trump sich entscheiden sollte, den russischen Staatspräsidenten einzuladen, dann muss zuallererst über die Ukraine gesprochen werden, und wenn über die Ukraine gesprochen wird, dann muss der Präsident der Ukraine mit am Tisch sitzen. Es ist jedenfalls aus meiner Sicht völlig inakzeptabel, dass Drittstaaten über das Schicksal der Ukraine sprechen, ohne die Ukraine daran zu beteiligen. Wenn die Ukraine am Tisch sitzt, dann sitzt Europa mit am Tisch. Insofern befinden wir uns in den Gesprächen für die Vorbereitung dieses Treffens.
Ich will jedenfalls für meine Person sagen: Wir sollten keine Möglichkeit auslassen, Gespräche zu führen, und keine Möglichkeit auslassen, weiterhin diplomatische Anstrengungen zu unternehmen. Sie müssen aber auch wirklich zu einem Ende der Kampfhandlungen führen, sie müssen zu einem Waffenstillstand führen und sie müssen zu einem Friedensabkommen in der Ukraine führen. Alles andere ist nicht akzeptabel. Insofern sehe ich der Vorbereitung und der Durchführung dieses G20-Treffens in Miami mit Interesse entgegen.
Frage: Herr Präsident, die Zahl der russischen Verluste belief sich im Oktober auf über 54 000. Können Sie eine Einschätzung der Lage an der Front geben? Wir wissen, dass es drei parallele Offensiven gibt. In welcher Lage werden wir bis zum Beginn der Verhandlungen in Abu Dhabi sein?
Herr Bundeskanzler, welche Mechanismen für die Suche nach zusätzlicher Luftabfuhr sehen Sie? Die Mengen, die jetzt geliefert werden, sind sehr klein. Sie haben vielleicht nicht genug Produktionskapazitäten. Vielleicht machen Sie das mit London zusammen?
Noch ein Follow-up: Im Juni 2025 haben Sie gesagt, dass es nicht konstruktiv sei, Putin anzurufen, weil er nach diesen Anrufen die ukrainischen Städte noch stärker angreife, und das stimmt auch. Haben Sie diesen Standpunkt geändert? Sehen Sie für sich eine Möglichkeit, ihn anzurufen?
Präsident Selenskyj: Vielen Dank für die Frage. – Die Situation an der Front ist natürlich nicht einfach. Es gibt Verluste, aber wir sind unseren Streitkräften und unseren Soldaten dankbar dafür, dass die Situation kontrolliert wird. Wir sehen jetzt keine Übermacht Russlands, wir sehen keine Überraschungen. Zweifelsohne hat Russland oder hat Putin nach unseren gelungenen Operationen in diesem Jahr beschlossen, mit einem Sprung Schritte zu unternehmen, und Russland hat sprunghaft seine Truppen vergrößert.
Obwohl die Russen in bestimmten Bereichen die Oberhand haben, etwa was die Zahlen der Soldaten und die Ausstattung mit Drohnen angeht, haben sie große Verluste erlitten, weil sie keine Rücksicht auf Menschenleben nehmen. Sie schicken Mörder in die Ukraine; diese 54 000, das sind russische Mörder. Deswegen sollten wir kein Mitleid mit ihnen haben. Sie gehen in die Ukraine, um uns zu töten, und wenn unsere Soldaten es geschafft haben, sie vorher zu töten, dann haben sie das sehr gut gemacht; sie sind einfach toll.
Was unsere Luftabwehr und den Schutz unserer zivilen Bevölkerung angeht, ist die Situation nicht so positiv. Russland hat es an der Front nicht geschafft und hat deshalb beschlossen, uns in diesem Bereich massiv anzugreifen, also unsere Menschen zu töten und die Energie- und Eisenbahninfrastruktur anzugreifen. Hier müssen wir unsere Kräfte sammeln und uns verteidigen, so gut es geht.
Natürlich müssen wir hierzu mit Partnern zusammenarbeiten. Ich bin Deutschland dankbar für die Stärkung des Energiesektors und der Luftabwehr. Wir danken also, aber das ist nicht genug. Hier gebe ich Friedrich recht: Auf dem Gipfeltreffen der NATO in der Türkei sind starke Vereinbarungen getroffen worden, und alle müssen sich das wieder in Erinnerung rufen und die Hilfe für die Ukraine stärken und beschleunigen.
Wir sind dankbar für Ihre Fragen. Wir betreten den Verhandlungsprozess in einer guten Lage auf dem Gefechtsfeld und mit großen Schwierigkeiten im Bereich der Luftabwehr. Wir sind aber bereit zu diplomatischen Schritten, wir sind bereit für den Frieden, für Verhandlungen, für einen fairen Frieden. Wir brauchen aber Sicherheit; das möchte ich noch einmal wiederholen. Sicherheitsgarantieren sind ein paralleler Prozess, der sehr wichtig ist.
Bundeskanzler Merz: Die russischen Verluste im Oktober 2026 sind offensichtlich die höchsten Verluste, die Russland in diesem Krieg jemals in einem Monat erlitten hat. 52 000 Soldaten, von denen rund die Hälfte ihr Leben verloren haben und die andere Hälfte so schwer verletzt worden sind, dass sie nicht mehr einsatzfähig sind: Das zeigt die ganze Dramatik dieses Krieges auch auf der russischen Seite.
Deswegen noch einmal: Es wird Zeit, dass dieser Krieg aufhört. Aber solange Putin ihn führt, werden wir der Ukraine in jeder Hinsicht weiterhelfen. Auch das ist ein Grund dafür, dass ich für den 19. November zu einem Treffen der Koalition der Willigen in Person nach Berlin eingeladen habe. Es werden eine große Zahl von Staats- und Regierungschefs nach Berlin kommen, und wir werden für das Jahr 2027 Verabredungen treffen, in welchem Umfang wir weiterhin helfen. Da wird es vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, um die weitere militärische Unterstützung gehen.
Vielleicht darf ich auch so viel sagen: Präsident Selenskyj und ich haben sowohl in unserem Vier-Augen-Gespräch heute als auch in dem Delegationsgespräch über einige Details gesprochen ‑ auch darüber, was wir zurzeit liefern können und was wir tatsächlich liefern. Ich habe den Gesprächen entnommen, dass es zurzeit bei allen Schwächen in der Luftverteidigung immerhin doch eine ganze Reihe von Lieferungen gibt, die der ukrainischen Armee im Augenblick sehr helfen. Das betrifft insbesondere Munition für die F16, das betrifft aber auch Luftabwehr und weitere Munition. Wir sind also wirklich auf dem Weg, immer weiter zu helfen, auch wenn es hin und wieder einmal Nachschubschwierigkeiten gegeben hat. Ich will aber versuchen, sie mit diesem Treffen der Koalition der Willigen am 19. November auszuräumen.
Frage: Haben Sie heute auch über das Thema russische Schattenflotte gesprochen? Deutschland hatte Anfang September ja angekündigt, viel stärker dagegen vorzugehen. Zumindest nach dem, was man weiß, ist bisher nichts passiert. Warum?
Bundeskanzler Merz: Darüber haben wir heute nicht gesprochen. Das wird Gegenstand von Erörterungen an anderer Stelle sein, aber das war kein Gegenstand der Gespräche heute.
Vielen Dank!