„Kampf gegen Antisemitismus ist und bleibt eine Aufgabe für uns alle”

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Rede des Kanzlers bei der Verleihung des „Preises für Verständigung und Toleranz” „Kampf gegen Antisemitismus ist und bleibt eine Aufgabe für uns alle”

Die frühere US-Botschafterin Amy Gutmann und der israelische Physiker Daniel Zajfman sind durch das Jüdische Museum Berlin mit dem „Preis für Verständigung und Toleranz” geehrt worden. In seiner Rede zur Preisverleihung hatte Kanzler Merz eine Botschaft an alle.

Samstag, 15. November 2025
Bundeskanzler Merz mit dem Preisträger und der Preisträgerin des Preises für Verständigung und Toleranz, Amy Gutman und Daniel Zajfman, im Jüdischen Museum Berlin.

Sie bauten Brücken zwischen Ländern und Kulturen, damit ehrte Bundeskanzler Merz Amy Gutmann und Daniel Zajfman bei der Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz.

Foto: Bundesregierung/Jesco Denzel

„Wir ehren heute zwei Preisträger, die beide auf ihre Art ihr Leben in den Dienst der Verständigung und der Bildungsarbeit gestellt haben”, betonte Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Rede zur Verleihung des „Preises für Verständigung und Toleranz” im Jüdischen Museum Berlin. Amy Gutmann habe als Diplomatin „Impulse für eine Vertiefung der deutsch-amerikanischen Freundschaft gesetzt”. Daniel Zajfman habe sich für die deutsch-israelische Verständigung eingesetzt. „Sie haben mit und durch Wissenschaft Brücken zwischen Ländern und Kulturen gebaut”, sagte Merz.

„Der Kampf gegen den Antisemitismus ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe für uns alle", betonte Kanzler Merz. „Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um Antisemitismus mit all seinen neuen und alten Gesichtern konsequent zu bekämpfen. Wir werden Israel beistehen, dessen Existenzrecht nach wie vor und immer lauter auch auf deutschen Straßen in Frage gestellt wird.”

Amy Gutmann war von 2004 bis 2022 Präsidentin der University of Pennsylvania und hat Arbeiten zu Demokratietheorie, sozialer Gerechtigkeit und zum Umgang mit Identität und Vielfalt verfasst. Von 2022 bis 2024 war sie Botschafterin in Berlin. Gutmans Vater stammte aus einer jüdischen Familie in Deutschland und war 1934 vor den Nationalsozialisten geflohen. 
Daniel Zajfman wurde als Nachkomme von Holocaust-Überlebenden in Brüssel geboren und wanderte dann nach Israel aus. Als Präsident des Weizmann Institute of Science hat sich der Physiker international einen Namen gemacht und zahlreiche Kooperationen zwischen Israel und Deutschland initiiert.

Lesen Sie hier die Mitschrift der Rede:

Bundeskanzler Friedrich Merz:

Sehr geehrte, liebe Frau Berg,

Exzellenzen,

sehr geehrte Damen und Herren,

vor allem sehr geehrte, liebe Frau Professor Gutmann und

sehr geehrter Herr Professor Zajfmann,

meine Damen und Herren,

lassen Sie mich damit beginnen, zu sagen, dass es mir eine wirklich sehr große Freude ist, heute Abend erneut an der Preisverleihung hier im Jüdischen Museum teilzunehmen, in einer neuen Aufgabe, in einer neuen Funktion. Ich habe diese Veranstaltung in den vergangenen Jahren ausnahmslos klüger und bereichert verlassen, auch im Sinne unser aller Herzensbildung, und wenn ich auf die Preisträger des heutigen Abends blicke, dann bin ich mir sicher, dass es auch dieses Mal, dass es auch heute so sein wird.

Meine Damen und Herren, vor einigen Jahren erschien ein Buch des Frankfurter Historikers Till van Rahden, das den sonderbaren Titel „Vielheit“ trägt. Man liest darin gleich auf den ersten Seiten, im Zeitalter der Aufklärung und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts habe man über das, was wir heute Vielfalt oder Diversität einer Gesellschaft nennten, mit eben diesem Begriff der Vielheit gesprochen. Schon sprachlich hören wir da ein bisschen auch das Wort Einheit heraus. Genau diesen Gedanken drückt der Begriff in der Zeit der Aufklärung aus. Verschiedenheit zerstört eine freie Gesellschaft nicht; sie kann sie vielmehr besser machen. Moses Mendelssohn hat einmal gesagt:

„Die Einheit […] ist desto größer, je mehr Mannigfaltiges und je inniger es verknüpft ist.“

Wenn Sie in dem Buch weiterlesen, dann lernen Sie eine ganze Menge darüber, wie sehr es gerade jüdisches Denken und jüdische Traditionen waren, die den Weg für diese aufklärerische Idee, für das Gebot der Toleranz bereitet haben, wie sehr jüdisches Leben dazu beigetragen hat, dass wir nach und nach gelernt haben, mit der Pluralität, die uns als freie und offene Gesellschaft eben ausmacht, gut umzugehen und mit der Erfahrung der Verschiedenheit und des Konflikts produktiv umzugehen. Wie anstrengend das bisweilen aber auch sein kann, wissen wir alle aus persönlicher Erfahrung.

Deshalb sagt der kanadische Philosoph Charles Taylor ganz zu Recht und treffend:

„Eine offene Gesellschaft braucht Geduld.“

Aber, meine Damen und Herren, diese Geduld schulden wir uns und anderen, mit denen wir in unserem Land zusammenleben. Wir schulden sie auch unserem historischen Erbe, dem Privileg, in einem Land zu leben, dessen Verfassung mit dem Satz beginnt:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

In der Verfassung der Vereinigten Staaten, liebe Frau Gutmann, heißt es anders, aber mit ganz ähnlicher Bedeutung:

We hold these truths

– diese Wahrheiten – 

to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights […] Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

In ihren Worten etwas ganz Ähnliches hat im vergangenen Jahr an dieser Stelle die inzwischen verstorbene Margot Friedländer gesagt: Es gibt kein christliches, jüdisches oder muslimisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Seid Menschen! Das hat sie uns zugerufen.

Meine Damen und Herren, übersetzt heißt das: Dies ist der Kern dessen, was wir „normativen Westen“ nennen. Wir haben uns entschieden, Gesellschaften auf der Grundlage eines Versprechens zu bauen, nämlich des Versprechens, einander als Menschen in unserem Recht auf Freiheit, Selbstentfaltung, ja, auch in unserem Recht auf das Streben nach Glück anzuerkennen.

Wir erleben im Augenblick, dass diese „self-evident truths“, diese selbstverständlichen Wahrheiten, offensichtlich nicht mehr selbstverständlich sind. Sie werden von außen, aber auch von innen innerhalb der Länder der transatlantischen Welt infrage gestellt. Sie werden global infrage gestellt. Wir erleben einen neu aufbrechenden Wettbewerb der Systeme. Autoritäre, revisionistische Kräfte fordern unsere Art zu leben heraus. Hybride Angriffe und Desinformationen, wie sie inzwischen fast täglich geschehen, sind fast schon Wetten auf die Verletzlichkeit und Schwäche unserer Gesellschaften. Somit ist es nicht nur eine Frage unseres guten Lebens miteinander, sondern auch unseres Überlebens als offene Gesellschaften, dass wir in diesem normativen Westen zu der Stärke finden, vielleicht zurückfinden, die wir haben, gerade in unserer Freiheitlichkeit.

Auszeichnungen und Preisverleihungen sind ein Mittel dafür, weil sie uns daran erinnern, worum es wirklich geht und weil sie ein Licht auf die Menschen werfen, die uns in dieser Zeit in besonderer Weise als Vorbild dienen können.

Wir ehren heute zwei Preisträger, die beide auf ihre Art ihr Leben in den Dienst der Verständigung und der Bildungsarbeit gestellt haben.

Sie, sehr geehrte Frau Gutmann, sind zugleich eine Theoretikerin und eine Praktikerin der deliberativen Demokratie und der Völkerverständigung. Sie haben in Ihren Büchern, Sie haben in Ihrem akademischen Wirken argumentiert, deliberative Demokratien funktionierten. Deliberation, also politische Urteilsfindung auf der Basis des Austauschs von Argumenten, auf der Basis von Kompromissfindung, mache unsere Gesellschaften aus und mache unsere kollektive Fähigkeit zum guten und gerechten Urteil besser. Sie haben als Diplomatin Impulse für eine Vertiefung der deutsch-amerikanischen Freundschaft gesetzt, die – das zu sagen, gebietet die Ehrlichkeit im Umgang miteinander – im Augenblick vor Herausforderungen steht.

Als Sie 2022 nach Berlin kamen, war es in gewisser Weise auch eine Rückkehr für Sie. Ihr jüdischer Vater ist in den Dreißigerjahren vor den Nazis in die USA geflohen. In einem Interview haben Sie vor ein paar Jahren den Satz gesagt: Die Welt kann etwas von Deutschlands Kultur des Erinnerns lernen. Ich zitiere das hier nicht als Selbstlob, sondern um Ihnen hier heute zu sagen: Ich verstehe das vor allem als Auftrag an uns in Deutschland. Es gibt keine Verjährung der Verantwortung dafür, dass die Erinnerung des Menschheitsverbrechens der Schoah lebendig bleibt. Im Gegenteil, die Verantwortung fordert uns umso mehr, je weiter die Schoah in der Zeit zurückliegt und je mehr Zeitzeugen nicht mehr unter uns sind. Sie fordert uns heute gegenüber der neuen Welle von Antisemitismus, die wir weltweit und die wir leider auch in Deutschland erleben müssen.

Meine Damen und Herren, ich will es deshalb hier mit allem Nachdruck persönlich, aber auch im Namen der Bundesregierung sagen: Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um Antisemitismus mit all seinen neuen und alten Gesichtern konsequent zu bekämpfen. Wir werden Israel beistehen, dessen Existenzrecht nach wie vor und immer lauter auch auf deutschen Straßen in Frage gestellt wird.

Gleichzeitig müssen wir alle bis in jede Ebene der Gesellschaft hinein wissen: Der Kampf gegen den Antisemitismus ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe für uns alle. Denn wenn Jüdinnen und Juden, die hier in Deutschland ihre Heimat haben, heute sagen, dass sie um ihre Heimat zu fürchten beginnen, dass sie fürchten, wieder entwurzelt zu werden, dann brauchen wir darauf eine klare Antwort der alltäglichen Solidarität und auch der Zivilcourage.

Sehr geehrter Herr Professor Zajfmann, als Ihnen 2023 die Harnack-Medaille verliehen wurde, sagte der damalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, es sei ein großer Vertrauensvorschuss gewesen, dass Sie sich in den frühen Zweitausenderjahren entschieden hätten, nach Deutschland zu kommen, an das Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg. Sie sind das Kind von Überlebenden der Schoah. Trotzdem – und dieses „trotzdem“ können wir gar nicht laut genug sagen – haben Sie sich für die deutsch-israelische Verständigung jahrzehntelang eingesetzt. Sie haben mit und durch Wissenschaft Brücken zwischen Ländern und Kulturen gebaut, als Präsident des Weizmann Institute of Science in Rechovot, als Vorsitzender in der Israel Science Foundation und im Davidson Institute of Science Education.

Lassen Sie mich zu Ihnen sagen: Ich hoffe sehr, dass wir Ihr Vertrauen nicht enttäuscht haben. Ich hoffe sehr, dass die Erfolgsgeschichte der Kooperation der Max-Planck-Gesellschaft und des Weizmann Institute, an der Sie mitgeschrieben haben, noch viele weitere Kapitel hat.

Sehr geehrte Damen und Herren, auch das ist eben eine Grundlage unserer offenen Gesellschaft: freie Wissenschaft, das Streben nach Wissen, die Suche nach Aufklärung im Wortsinn. Auch diese steht unter Druck.

So kann es also, möchte ich sagen, für diese Zeit, in der wir leben, kaum bessere Preisträger geben als die, die wir heute Abend ehren. Liebe Frau Professor Gutmann, sehr geehrter Herr Professor Zajfmann, ich freue mich sehr, gleich mehr von Ihnen und mehr über Sie zu hören.

Mir bleibt zum Abschluss zu sagen: Ich danke dem großartigen Jüdischen Museum für die Initiative. Ich danke Ihnen für die wunderbare Museumsarbeit, für die Erinnerungsarbeit und für die Verständigungsarbeit, die Sie hier seit bald 25 Jahren leisten. Wenn ich mich in diesem Raum umsehe, meine Damen und Herren, wenn ich auf das Lebenswerk der heutigen Preisträger sehe, dann ist mir einmal mehr nicht bange um die Zukunftskraft, die wir in einer offenen Gesellschaft haben. Lassen wir uns diese Kraft nicht nehmen! Zeigen wir gemeinsam diese Kraft, die in uns steckt!

Ich danke Ihnen.

Seit 2002 verleiht das Jüdische Museum Berlin (JMB) den Preis für Verständigung und Toleranz. Der Preis würdigt Persönlichkeiten, die sich auf herausragende Weise für die Förderung der Menschenwürde, die Integration von Minderheiten und das Zusammenleben unterschiedlicher Religionen und Kulturen einsetzen. Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger waren unter anderem Charlotte Knobloch, die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright und Bundespräsident a. D. Joachim Gauck.