„Deutschland braucht Menschen wie Friedrich von Metzler“

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Rede des Kanzlers bei der Gedenkfeier für von Metzler „Deutschland braucht Menschen wie Friedrich von Metzler“

Zum ersten Todestag von Friedrich von Metzler hat eine Gedenkfeier stattgefunden. Dort wurde er posthum mit der Euro Finance Group vergebenen Auszeichnung „European Banker“ geehrt. Bundeskanzler Merz würdigte in seiner Rede das Leben und die Arbeit des Bankiers.

Montag, 17. November 2025 in Frankfurt am Main
Auf dem Foto zu sehen ist Bundeskanzler Friedrich Merz während seiner Rede bei der Gedenkfeier für Friedrich von Metzler.

„Friedrich von Metzler selbst hat sich in den großen Versuch bescheiden einsortiert, die Welt Stück für Stück zu einem besseren Ort zu machen,” würdigte Merz den Frankfurter Ehrenbürger.

Foto: Bundesregierung/Tobias Koch

Bundeskanzler Merz hat Friedrich von Metzler, der sich als Ehrenbürger seiner Heimatstadt Frankfurt mit großem Engagement auch für Kunst und Kultur eingesetzt hat, als prägende Figur an der Spitze des Bankhauses Metzler gewürdigt. Bei der Feier in der Frankfurter Paulskirche, die zum ersten Todestag von Metzlers stattgefunden hat, wurde Friedrich von Metzler posthum mit der von der Euro Finance Group vergebenen Auszeichnung „European Banker“ geehrt.

Lesen Sie hier die Mitschrift der Rede: 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident und Mitglieder der hessischen Landesregierung,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister und Mitglieder der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten,
meine Damen und Herren,
liebe Gäste, 
vor allem aber: liebe Sylvia von Metzler, liebe Familie von Metzler!

Wir erinnern uns heute an Friedrich von Metzler. Dass es irgendetwas Besonderes mit diesem Mann war, das spürt man auch daran, wie präsent seine Person auch in diesem Jahr immer noch ist, als ob er heute hier bei uns säße. Das gilt nicht nur für diejenigen, die ihn gekannt haben. Er hat diese Stadt geprägt. Von ihm ging eine ganz außergewöhnliche persönliche Ausstrahlung aus.

Wir, liebe Sylvia, haben uns kennengelernt nach dem tragischen Ereignis eurer Familie im September 2002, nach dem gewaltsamen Tod eures Sohnes Jakob. Meine Frau und ich, wir haben euch damals einen Brief geschrieben. Ihr beide habt uns in einer sehr persönlichen Weise zurückgeschrieben. Seitdem sind wir uns sehr, sehr häufig begegnet, auch bei euch zu Hause.

Viele, auch viele, die heute hier sind, erinnern sich an die Treffen in diesem großzügigen Haus der Familie Metzler mit den beiden großartigen Gastgebern, die es ihrerseits genossen haben, einfach Menschen um sich zu versammeln, von diesen Menschen etwas zu erfahren, von diesen Menschen etwas zu lernen, von ihnen Neues zu hören, sie zu einem gegenseitigen Nutzen zusammenzubringen ‑ zum Nutzen des jeweils einzelnen Gastes, aber auch zum Nutzen des Gemeinwesens und der Institutionen dieser Stadt. Das war einer der vielen hervorstechenden Charakterzüge dieses Mannes, aber auch dieses Ehepaares ‑ die freundliche Neugier, das anspornende Interesse an dem, was besondere Menschen mit ganz verschiedenem Hintergrund umtreibt.

Meine Damen und Herren, ich will heute Abend einige Gedanken mit Ihnen über diesen Mann teilen und etwas zu den vielleicht wichtigsten drei Eigenschaften sagen, die ihn ausmachten.

Über den Familienmenschen zu reden, ist für einen Außenstehenden nicht das Richtige. Nur so viel: Auch hier zeigte sich, wo jedenfalls etwas nach außen sichtbar wurde, der Menschenfreund, zeigten sich Güte und Weisheit. Seine Kinder ‑ so hat er es oft erzählt ‑ waren frei, in die Bank einzutreten oder eben nicht. Es nütze niemandem ‑ so hat er gesagt ‑, auch der Bank und den Kunden nicht, wenn die Kinder sich dort nicht wohlfühlen.

Drei Charaktereigenschaften will ich nennen: der Bankier, der Bürger und eben der Mensch.

Friedrich von Metzler war ein herausragender Bankier in einer Bank mit geradezu atemberaubender Geschichte, seit 1674, mit ihm in elfter Generation in Familienhand, heute in zwölfter. Das ist einzigartig.

Hier in Frankfurt wuchs Friedrich von Metzler tatsächlich in der Bank auf. Die Wohnung der Familie und die Räume der Bank befanden sich damals im selben Haus. Die Vorbereitung auf seine Rolle in der Bank war dabei methodisch und äußerst gründlich ‑ mit Stationen in London, in New York, in Paris. An Weltläufigkeit hat es dieser hier in Frankfurt tief verwurzelten Familie nie gefehlt.

Er hat mit seinem Vetter Christoph früh gesehen, dass die Zukunft der Bank nicht im klassischen Kreditgeschäft, in dem eine Privatbank strukturell wahrscheinlich immer benachteiligt ist, sondern woanders liegt, im Asset-Management für institutionelle Kunden, in der Corporate-Finance-Beratung bei Fusionen und Übernahmen, Börsengängen und Privatisierungen, Kapitalmarktfinanzierungen und Insolvenzen, in der Vermögensverwaltung für individuelle Privatkunden, im Anleihehandel, in der Devisenberatung und im Devisenhandel, in der Wertpapieranalyse und im Wertpapierhandel.

Immer ging es Friedrich von Metzler darum, die Unabhängigkeit der Bank zu wahren. „Wir maximieren nicht den Gewinn, sondern die Sicherheit“ ‑ das war sein Credo. Immer ging es ihm um den engen persönlichen Austausch, um das gründliche Gespräch mit seinen Kunden. Er wollte sie kennen und verstehen, um sie gut beraten zu können.

Im Kapitalmarktgeschäft der Bank standen und blieben Aktien im Mittelpunkt. Friedrich von Metzler wollte in Deutschland eine vernünftige, langfristig orientierte Aktienkultur entwickeln und helfen, dazu beizutragen. Unermüdlich warb er für die Aktie als Anleihe und Anlageform, gerade für die Altersvorsorge, als langfristige Beteiligung am Substanzvermögen der Volkswirtschaft, wie er es genannt hat. Es war eine bundesdeutsche Innovation, als die Bank schon im Jahre 1971 ‑ Friedrich von Metzler war 1969 in die Bank eingetreten ‑ den ersten Publikumsfonds auflegte. Noch 2018 hat er etwas gesagt, das ich heute fast als Ziel der Bundesregierung geneigt bin zu wiederholen. Zitat:

„Ich wünsche mir, dass die Deutschen vom Sparer zum Anleger werden. Das wäre auch ein Schritt in Richtung mehr soziale Gerechtigkeit.“ ‑ Ende des Zitats.

Meine Damen und Herren, hinter diesem Wort stand auch die eigene Erfahrung in der Bank. Das Bankhaus ist auch deshalb so gut durch die Zeiten gekommen, weil die Vorfahren eben auch immer in Aktien investiert haben. Folgerichtig war Friedrich von Metzler von 1989 bis 1993 Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzender der Frankfurter Wertpapierbörse, die ganz wesentlich er in dieser Zeit in eine international konkurrenzfähige Börse umwandelte. Die Gründung der Deutschen Börse AG 1992 war entscheidend für den Aufstieg Frankfurts zu einem bedeutenden, zu dem bedeutenden europäischen Finanzplatz.

Ich fand es in der Vorbereitung einen mich doch berührenden Umstand, meine Damen und Herren, dass man Friedrich von Metzler im Bankhaus immer „FM“ genannt hat. So sprechen, wie ich es jetzt höre, der Einfachheit halber auch einige meiner Mitarbeiter ‑ von mir.

Meine Damen und Herren, wenn Metzler über seine Bank und seine Mitarbeiter sprach, dann spürte man, wie ganzheitlich ‑ so würde man heute sagen ‑ er auf sie blickte, wie wichtig ihm der weite Horizont der Menschen war, die in seiner Bank mit ihm arbeiteten, wie sehr er es etwa unterstützt hat, dass auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre sozialen Ideen, ihr soziales Engagement in das einbrachten, was die Bank dann förderte und anschob, wie sicher er sich war, dass auch die Bank und die Kunden am Ende von solchen Mitarbeitern profitieren, die wissen ‑ ich zitiere ihn ‑, „dass andere Dinge wichtiger sind als die Arbeit und das Geldverdienen“.

Insofern war Friedrich von Metzler, was ihn ebenso ausmachte wie sein Beruf, eben ein herausragender Bürger im schönsten, reinsten, besten Sinne des Wortes. Er war jemand, der stets fragte: Was kann ich für mein Gemeinwesen, was kann ich für meine Stadt tun? ‑ Er wollte im besten Sinne des Wortes dem Gemeinwohl dienen. Manchmal schien es fast, als sei ihm das Bankhaus, dem er diente, vor allem auch ein Mittel zu genau diesem Zweck.

Auch darin war er dem Geist seiner Vorfahren treu, die stets ihre gute und wichtige Rolle für diese Stadt spielten und die in jedem Jahrhundert seit ihrer Ankunft hier ein gesellschaftliches Kraftzentrum dieser Stadt waren. Goethe war bei den Metzlers seiner Frankfurter Zeit viel zu Besuch. Bismarck hat später als Gesandter Preußens in Frankfurt mit Blick auf die gesellschaftlichen Beziehungen und netzwerkenden Aktivitäten der Familie tatsächlich sogar ein neues Verb dafür erfunden: „metzlern“.

Meine Damen und Herren, von Theodor Mommsen, dem großen Althistoriker und Liberalen, stammt das schöne Wort:

„Ich wünschte, ein Bürger zu sein“.

So hat er es 1899 in einer Testamentsklausel geschrieben. Er habe seinen Teil der Verantwortung für das Gemeinwesen bewusst und dauernd tragen wollen, hieß das. Es gebe eine Verantwortlichkeit aller, so Mommsen, nicht nur eine der politischen Führung. Friedrich von Metzler hätte Theodor Mommsen von Herzen zugestimmt.

Was haben die Metzlers in dieser Stadt in philanthropischer Absicht nicht alles auf den Weg gebracht, angestoßen und gefördert ‑ Herr Oberbürgermeister, Sie haben einige Projekte und einige Ideen bereits genannt: von der Goethe-Universität über die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft bis zum Städel-Museum oder die 1998 gegründete Metzler-Stiftung, die soziale, pädagogische und wissenschaftliche Projekte auflegt und fördert. Sie haben die Idee des 1 + 1 = 3 zitiert. Die erste und die dritte Tranche kommen von ihm, die zweite, eingeworben, von denen, die die Institutionen leiten.

Es schmälert das Verdienst Friedrich von Metzlers und seiner Familie sicherlich nicht, wenn man auch darauf hinweist, dass diese Stadt nie ganz arm an solchen Menschen und Familien war. Mit den eigenen Mitteln und Möglichkeiten Gutes zu tun und anzustoßen für Kunst und Wissenschaft, für soziale Hebung und Bildung: Das war auch das Streben von Frankfurter Unternehmern, Bankiers und Mäzenen wie Wilhelm Merton oder Simon Moritz von Bethmann im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Andenken auch an diese Menschen hält diese Stadt und halten die Institutionen, die ihnen viel verdanken, hoch und auch zusammen.

Friedrich von Metzler selbst hat sich in den großen Versuch bescheiden einsortiert, die Welt Stück für Stück zu einem besseren Ort zu machen. Ich zitiere ihn:

„Jedes bürgerliche Engagement ist wichtig, egal in welcher Größenordnung.  So wie sich ein Mosaik aus einzelnen kostbaren Steinen zusammensetzt, ist jedes ehrenamtliche Engagement eines Bürgers, jede Initiative wertvoll und notwendig.“

Das hat er übrigens, meine Damen und Herren, an dieser Stelle vor 21 Jahren gesagt, als er hier in der Paulskirche in Frankfurt die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt entgegennahm. Als die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth diese Verleihung vorschlug, war die Zustimmung im Magistrat und in der Stadtverordnetenversammlung nicht einfach nur groß, sie war einstimmig. 

Das lag auch daran, dass Friedrich von Metzler ein herausragender Mensch war, der ein fürchterliches Schicksal mit Würde trug, mit seiner Frau, in seiner Familie. Viele hier in Frankfurt, die die Familie in jenen Tagen 2002 erlebt haben, haben dies immer wieder voller Staunen und in höchster Achtung bezeugt. Wie bewegend war es, dass die Familie, als schreckliche Gewissheit herrschte, ihr Haus für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bank und für Mitschülerinnen und Mitschüler des Sohnes Jakob öffnete und man gemeinsam trauerte.

Er selbst hat schon wenig später gesagt, er könne nicht mit dem Gedanken leben, dass die Welt grundsätzlich so grausam sei, wie sie ihm damals begegnet sei. Es wurde sein bewusster Kampf, sich die Menschenfreundlichkeit zu bewahren, die ihn auszeichnete. Er wollte an das Gute im Menschen glauben, und das tat er auch. Mehr noch, wieder ein Zitat von ihm:

„Ich glaube, dass die Welt stetig besser werden wird und dass ich daran mitarbeiten kann oder sogar muss.“

Sein Charme war bezwingend, und dieser Charme versiegte nie. Wenn Menschen ihn zu charakterisieren hatten, dann fielen unfehlbar Begriffe wie Redlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Integrität, Souveränität gepaart mit menschlicher Wärme und Herzlichkeit. Man empfand ihn dankbar als interessiert und zugewandt, freundlich und ganz unprätentiös, bescheiden und begeisterungsfähig für alles Neue, anregend und unterhaltsam. Ja, so war er.

Wenn er geehrt wurde wie im September 2004 mit der Ehrenbürgerschaft dieser Stadt, dann sagte er mit seinem Dank Sätze wie diesen:

„Sie haben charmant übertrieben. Ich verspreche Ihnen aber, dass ich mir Mühe geben werde, die Lücke zwischen meiner Leistung und Ihren Ausführungen zu schließen.“

Meine Damen und Herren, ich persönlich orientiere mich in meiner Verantwortung an seinem unerschütterlichen Zukunftsoptimismus. Aus der Vorbereitung zu dieser Rede werde ich einen Satz von Friedrich von Metzler neu mitnehmen. Dieser Satz, ein echter Metzler, lautet:

„Bei der Gestaltung der Zukunft hilft das Wissen um die eigene Stärke und ein Gespür für Chancen.“

Auch diesen Satz ‑ so schließt sich ein anderer Kreis ‑ hat Friedrich von Metzler am 3. September 2004 an dieser Stelle hier in der Paulskirche gesagt.

Meine Damen und Herren, nicht nur Frankfurt, Deutschland braucht Menschen wie Friedrich von Metzler. Solange wir Menschen haben, die mit ihren Mitteln und an ihrem Ort jederzeit auch ans Ganze denken, über die persönlichen Sorgen und Nöte hinaus, solange wird dieses Land eine gute Zukunft haben. Wir danken Friedrich von Metzler, und wir denken an Friedrich von Metzler.