„Werden alles tun, um der Ukraine zu helfen“

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Pressekonferenz von Bundeskanzler Merz und dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj
„Werden alles tun, um der Ukraine zu helfen“

„Die deutsche Bevölkerung steht hinter der Ukraine, und die deutsche Regierung steht hinter der ukrainischen Regierung“, sagte Bundeskanzler Merz in Kyjiw. Trotz der Angriffe am Morgen sehe er in der Ukraine ein entschlossenes Volk und eine entschlossene Regierung.

  • Mitschrift Pressekonferenz
  • Sonntag, 4. Oktober 2026
Bundeskanzler Merz und Präsident Selenskyj am Rednerpult vor den Landesflaggen.

In der gemeinsamen Pressekonferenz sicherte Bundeskanzler Merz der Ukraine zu, weiterhin an ihrer Seite zu stehen.

Foto: Bundesregierung/Tobias Koch

„Wir werden alles tun, um der Ukraine zu helfen, bis dieser schreckliche Krieg endlich zu Ende ist“, betonte Bundeskanzler Friedrich Merz in seinem gemeinsamen Pressestatement mit Präsident Wolodymyr Selenskyj in Kyjiw. Mit seinem Besuch wolle er ein Zeichen setzen, so Merz, „in einer Zeit, die nicht nur für die Zukunft der Ukraine entscheidend ist, sondern für die Zukunft Europas“. „Wir stehen an eurer Seite für eine freie Ukraine und für ein sicheres und friedliches Europa, in dem wir unsere Zukunft gemeinsam sehen“, so Merz.

Zudem wolle man die Zusammenarbeit, unter anderem in der Verteidigungsindustrie, zwischen Deutschland und der Ukraine vertiefen. Deshalb begleite den Kanzler eine Wirtschaftsdelegation. Die enge Zusammenarbeit nutze beiden Seiten. „Deutschland hilft der Ukraine. Die Ukraine hilft aber auch Deutschland“, sagte der Kanzler.

Lesen Sie hier die Mitschrift der Pressekonferenz:

(Die Protokollierung erfolgte anhand einer vom Fernsehsender Phoenix ausgestrahlten Aufzeichnung der Pressekonferenz. Eine offizielle Dolmetschung der fremdsprachlichen Teile lag nicht vor.)

Präsident Wolodymyr Selenskyj:

… (ohne Dolmetschung)

Bundeskanzler Friedrich Merz:

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Wolodymyr, herzlichen Dank für das sehr freundliche Willkommen heute Morgen in Kyjiw! Wir erleben eine weitere Eskalation des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Ich bin heute trotz der Drohungen, die uns in den letzten Tagen aus Moskau erreicht haben, gekommen, und zwar mit einer Kollegin aus dem Kabinett, der Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, mit einer großen Delegation meiner Regierung, aber auch mit einer großen Wirtschaftsdelegation. Das zeigt: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir lassen uns auch durch einen Drohnenangriff zum Zeitpunkt unseres Besuches nicht einschüchtern.

Das zeigt aber auch, wie rücksichtslos Russland weiterhin gegen die Ukraine vorgehen zu müssen meint. Wir stehen vor einem möglicherweise sehr schweren Winter. Moskau beschießt nicht nur die Stadt und andere Großstädte, sondern gezielt Infrastruktur für die Energieversorgung: Heizkraftwerke, Umspannwerke, Tankstellen und die Bahninfrastruktur. Das Ziel ist es ganz offensichtlich, die Moral der Ukrainerinnen und Ukrainer zu brechen.

Aber wenn ich heute an einem eigentlich friedlichen Sonntagmorgen in Kyjiw bin, dann erlebe ich etwas ganz anderes. Trotz des Angriffs, der heute Morgen stattgefunden hat, treffe ich hier auf ein entschlossenes Volk und auf eine entschlossene Regierung. Ich möchte den Ukrainerinnen und Ukrainern genauso wie der Regierung sagen: Die deutsche Bevölkerung steht hinter der Ukraine, und die deutsche Regierung steht hinter der ukrainischen Regierung. Wir werden alles tun, um der Ukraine zu helfen, bis dieser schreckliche Krieg endlich zu Ende ist.

Die russische Wirtschaft wird diesen Krieg nicht mehr unbegrenzt lange durchhalten. Denn dieses Land ist mittlerweile unterhalb der Schmerzgrenze dessen angekommen, was es wirtschaftlich verkraften kann: kein Wachstum mehr, sieben Prozent Inflation, 14 Prozent Zinsen, sinkende Einnahmen aus den Öl- und Gasverkäufen und ein immer größer werdendes Staatsdefizit.

Meine Damen und Herren, ich will deswegen mit meinem Besuch heute noch einmal ein Zeichen setzen, in einer Zeit, die nicht nur für die Zukunft der Ukraine entscheidend ist, sondern für die Zukunft Europas. Die Ukraine will Frieden; Deutschland will Frieden; ganz Europa will Frieden. Dieser Friede muss verhandelt werden. Er darf nicht diktiert werden. Er darf nicht der Ukraine diktiert werden und er darf auch nicht Europa diktiert werden.

Wir, Deutschland, sind heute der stärkste Unterstützer der Ukraine. Wir tun das nicht nur, um die territoriale Integrität der Ukraine zu schützen. Wir tun das zutiefst im eigenen Interesse. Denn es geht um Europas Sicherheit, und es geht um den Fortbestand einer politischen Ordnung, die wir uns in Europa zunächst nach dem Zweiten Weltkrieg, aber nach der Überwindung der europäischen Teilung dann auch gemeinsam gegeben haben, gemeinsam übrigens auch mit der damaligen Sowjetunion, die sich verpflichtet hat, jeden Konflikt nur friedlich zu lösen und auf der Basis einer regelbasierten Ordnung in Europa zusammenzuleben. Ich will deswegen Russland noch einmal auffordern, jetzt in Gespräche und auch in Friedensverhandlungen einzutreten.

Wir als Deutsche tragen in diesem Prozess eine besondere Verantwortung. Vielen Dank, lieber Wolodymyr, dass du auf meine Rede in Münster noch einmal Bezug genommen hast. Ich habe diese Rede aus Anlass der Verleihung des Preises des Westfälischen Friedens an die NATO gehalten. Ich habe in dieser Rede gesagt: Wanken wir in Deutschland, wankt Europa. Wankt Europa, wankt die Ukraine. Deshalb bleiben wir fest. Denn wenn wir festbleiben, dann bleibt Europa fest, und bleibt Europa fest, bleibt auch die Ukraine fest. – Lieber Wolodymyr, noch einmal: Ihr könnt euch auf uns verlassen. Die Bundesregierung wird Kurs halten, und auch ich persönlich werde Kurs halten. Mit euch, mit den europäischen Partnern und mit den Vereinigten Staaten arbeiten wir hartnäckig für Friedensverhandlungen mit Russland. Wir bauen unsere Hilfen für die Ukraine aber auch weiter aus. Wir lassen uns durch Moskaus hybride Angriffe auch in Deutschland, die wir tagtäglich erleben, nicht beeindrucken. Wir stärken die Abschreckungsfähigkeit der NATO. Das alles tun wir gemeinsam, und wir tun es mit Selbstbewusstsein und Zuversicht. Denn unser Kompass stimmt. Wenn wir diesem Kompass gemeinsam folgen, dann werden wir Frieden für die Ukraine und Sicherheit für ganz Europa erreichen.

Du hast es angesprochen; ich bringe heute sehr konkrete weitere Hilfen mit. Wir bringen ein weiteres Paket militärischer Unterstützung über rund eine Milliarde Euro auf den Weg. Wir stellen Mittel für die gemeinsame Herstellung von Antijetdrohnen zur Verfügung. Dabei sind in den letzten Wochen bereits erhebliche technische Durchbrüche möglich gewesen. Sie bringen nun auch Tempo in die Produktion. Das stärkt die ukrainische Luftverteidigung schnell und spürbar. Diese Stärkung ist dringend notwendig. Wir liefern Abstandswaffen, Kampfdrohnen und Satellitentechnik, damit die Ukraine russische Abschussrampen ebenfalls bekämpfen kann. Wir stellen vor dem Winter Energiehilfen in Höhe von rund 350 Millionen Euro für Generatoren, für Umstand, für Umspannanlagen und für notwendige Reparaturarbeit bereit. Das alles wird helfen, die russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur abzumildern und den Menschen in der Ukraine vor allem durch den bevorstehenden Winter zu helfen. Wir wollen schließlich im Winter mit Frankreich und Großbritannien ein Treffen der Koalition der Willigen in Berlin ausrichten, auch um weitere Hilfen zu koordinieren.

Ich habe es bereits zu Beginn gesagt: Erstmals seit Beginn des Krieges begleitet mich heute eine hochrangige Wirtschaftsdelegation aus Deutschland. Unternehmer aus der Verteidigungsindustrie und aus der Energiewirtschaft sind mitgekommen. Sie wollen ihren Beitrag zur Verteidigung, aber auch ihren Beitrag zum Wiederaufbau des Landes leisten.

Wir haben heute auch über die europäische Perspektive der Ukraine gesprochen. Wir werden gleich noch einmal vertieft über meinen Vorschlag einer assoziierten Mitgliedschaft der Ukraine sprechen. Wir wollen den Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union beschleunigen. Wir wollen Tempo. Dafür arbeiten wir in Brüssel.

Nun wissen wir, dass die Ukraine selbst auch an Reformen im Land arbeitet, Reformen für Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung. Ich begrüße sehr, dass der Präsident uns dies auch noch einmal zugesagt hat; denn diese Reformen sind wichtig für die Auszahlung weiterer Finanzhilfen. Regierung und Parlament tragen hier eine gemeinsame, besondere Verantwortung.

Meine Damen und Herren, all das zeigt, wie eng unsere Zusammenarbeit ist. Sie ist zum Nutzen beider Seiten. Deutschland hilft der Ukraine. Die Ukraine hilft aber auch Deutschland. Die Unternehmer aus der Verteidigungsindustrie, die mich heute begleiten, lernen aus der ukrainischen Kriegserfahrung, und umgekehrt stellen deutsche und ukrainische Firmen hochinnovative Joint Ventures auf die Beine. Wir werden auch bei der Drohnenabwehr noch stärker von der ukrainischen Expertise profitieren. Dazu haben wir eine Vereinbarung unterzeichnet. Wie notwendig Drohnenabwehr auch für unser Land ist, wissen wir spätestens seit dem 4. August, seit dem Anschlag mit einer russischen Drohne, die mit Sprengstoff beladen war, auf den Flughafen in Leipzig.

Meine Damen und Herren, dies ist mein zweiter Besuch in Kyjiw als Bundeskanzler, mein vierter insgesamt. Lieber Wolodymyr, ich will es dir noch einmal sagen: Herzlichen Dank für die sehr gute, für die sehr partnerschaftliche Zusammenarbeit. Wir stehen an eurer Seite für eine freie Ukraine und für ein sicheres und friedliches Europa, in dem wir unsere Zukunft gemeinsam sehen.