„Souveränität durch Innovation sichern“

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Rede von Bundeskanzler Merz bei der Festveranstaltung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften „Souveränität durch Innovation sichern“

„Wir werden in Zukunft unsere Forschungspolitik gezielt auf technologische Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft ausrichten.“ Das kündigte der Bundeskanzler bei einer Festveranstaltung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften an.

Dienstag, 14. Oktober 2025
Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Bühne während seiner Rede anlässlich der Festveranstaltung der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften.

Technologischer Fortschritt gelinge durch Wettbewerb und Freiheit, betonte Bundeskanzler Merz in seiner Rede bei der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften.

Foto: Bundesregierung/Juliane Sonntag

Bundeskanzler Friedrich Merz hat anlässlich der diesjährigen Festveranstaltung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften eine Rede gehalten. Darin hat er die Forschungs-, Wissenschafts- und Innovationspolitik der Bundesregierung vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen unserer Zeit dargelegt.

Im Bereich der Forschung und Entwicklung und im Bereich der Technologiepolitik werde sich entscheiden, wie die Zukunft unseres Landes und Europas aussehen werde: wie wohlhabend, wie frei, wie sicher wir leben werden, so der Kanzler. „Es wird eine wesentliche Aufgabe der nächsten Jahre sein, unsere Souveränität durch Innovation zu sichern – auch und gerade unsere digitale Souveränität“, sagte Merz in seiner Rede.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Technologieführerschaft: Diese zu erhalten und zu gewinnen, sei nicht nur eine Frage der Wohlstandssicherung, so der Bundeskanzler. „Weit fundamentaler noch ist sie auch eine Frage der Verteidigung unserer Freiheit und unserer Sicherheit“, sagte er.
  • Hightech-Agenda: Hinter der Hightech-Agenda für Deutschland, die im Juli 2025 vom Bundeskabinett verabschiedet wurde, stehe ein Paradigmenwechsel in der Forschungspolitik, hob Merz hervor. „Wir werden in Zukunft unsere Forschungspolitik gezielt auf technologische Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft ausrichten, so wie es die weltpolitische Lage von uns geradezu verlangt“, kündigte der Kanzler an.
  • Wissenschaftsfreiheit: Wichtig sei auch, Europa und Deutschland als Raum der Freiheit zu bewahren, verteidigen und zu mehren, betonte der Bundeskanzler. „Wir leben in Zeiten, in denen genau diese Wissenschaftsfreiheit wieder in Frage gestellt wird und in denen die Wissenschaftsfeindlichkeit zunimmt, auch und bedauerlicherweise in der transatlantischen Welt. Ich sehe das mit allergrößter Sorge.
  • Übersetzung der Grundlagenforschung: Deutschland sei nicht gut genug darin, die exzellente Grundlagenforschung in Geschäftsmodelle und Anwendungen zu übersetzen, konkret „in Produkte und Dienstleistungen, die unser Leben erleichtern und wirtschaftlichen Wohlstand erst möglich machen”, sagte der Kanzler. Die Bundesregierung drehe daher an allerlei Stellschrauben, um dieses Problem zu lösen. Auch dazu diene die Hightech-Agenda.

Die acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften ist eine von Bund und Ländern geförderte nationale Akademie und vertritt die Interessen der deutschen Technikwissenschaften im In- und Ausland. Die Akademie berät Politik und Gesellschaft in technikwissenschaftlichen und technologiepolitischen Zukunftsfragen. Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist Schirmherr der acatech.

Lesen Sie hier die Mitschrift der Rede:

Bundeskanzler Friedrich Merz:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Frau Eckert,

sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Weber,

liebe Kollegin Doro Bär,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

Auf den Tag genau vor 196 Jahren, am 14. Oktober 1829, wurde in Großbritannien das sogenannte Rennen von Rainhill veranstaltet. Ich vermute, kaum jemand von Ihnen wird wissen, was das war. Es war kein Rennen von Menschen, es war kein Sportereignis, es war – anders, als man in Großbritannien vielleicht vermuten könnte – auch kein Pferderennen, sondern es war ein Rennen von Lokomotiven in einem, würde man heute sagen, Innovationswettbewerb.

Worum ging es? Nun, Anfang des 19. Jahrhunderts, in den ersten Jahren der Eisenbahn, sah man sich vor folgendes Problem gestellt: Die frühen Lokomotiven waren nicht in der Lage, Steigungen zu bewältigen. Also wurden die Eisenbahnstrecken alle ebenerdig verlegt, und bei ganz unvermeidbaren Steigungen mussten die Lokomotiven von Pferden gezogen werden. Das war keine besonders effiziente Lösung. Also wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Gesucht war eine technisch anspruchsvolle Dampflokomotive, die das Dreifache ihres Gewichtes ziehen und die eine Geschwindigkeit von mindestens 16 Stundenkilometern erreichen konnte, alles unter Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen; auch das war ein Kriterium des Wettbewerbs. Es erschienen fünf Fahrzeuge zum großen Rennen auf der Eisenbahnstrecke zwischen Liverpool und Manchester, und an diesem 14. Oktober 1829, also heute vor 196 Jahren, stand der Sieger fest. Die Lokomotive hieß „Rocket“, und sie war die einzige, die in der Lage war, die Strecke regelkonform zu bewältigen. Der Gewinner erhielt ein Preisgeld und den Auftrag, acht Lokomotiven dieser Bauart für diese Strecke zu liefern.

Nun, meine Damen und Herren, warum erzähle ich diese kleine Anekdote? Die Zeitgenossen damals ahnten es vielleicht, aber wissen konnten sie nicht, wie sehr die Dampfmaschine die Welt verändern würde. Sie standen ganz am Anfang der modernen Welt, in der wir heute alle leben. Sie waren die Treiber der modernen ersten industriellen Revolution. Und heute? Heute stehen wir an der Schwelle einer vierten industriellen Revolution, von der wir wiederum nur ahnen können, wie sie unsere Welt eines Tages verändern wird. Was wir aber inzwischen aus der Erfahrung wissen, auch dank diesem Rennen von Rainhill, das ist, wie wir technologischen Fortschritt machen können. Wir können ihn machen durch Wettbewerb, und wir können ihn erreichen durch die Freiheit für Forschung und Lehre.

Sie in der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, Sie sind, wenn man so will, eine Institution dieser Erfolgsbedingungen für Innovation und Fortschritt in unserem Land, und ich sage deshalb gleich zu Beginn einen herzlichen Dank für Ihre umfangreiche Arbeit in der interdisziplinären, in der branchenübergreifenden Beratung von Politik und Gesellschaft! Wir brauchen Sie, meine Damen und Herren. Wir brauchen Ihre gesammelte Expertise in Zukunftsfragen. Wir brauchen Sie dringender als je zuvor in unserem Land. Denn genau da, wo Sie alle arbeiten – im Bereich der Forschung und Entwicklung, im Bereich der Technologiepolitik –, wird sich entscheiden, wie die Zukunft unseres Landes und wie die Zukunft Europas aussehen wird, wie frei wir sind, wie sicher wir sind und, nicht zuletzt, wie wohlhabend wir in Zukunft leben werden.

Denn diese sogenannte vierte industrielle Revolution, sie vollzieht sich in einem globalen Wettrennen. Die Regeln und die Rahmenbedingungen dieses Wettrennens stehen zugleich im Zeichen großer geopolitischer Machtverschiebungen. Ich wiederhole diesen Satz sehr häufig und heute Abend auch hier: Wir sind heute Abend, in dieser Zeit, in der wir leben, Zeitzeugen der größten globalen politischen und ökonomischen Machtverschiebungen des letzten Jahrhunderts, und sie, diese Machtverschiebungen, stehen im Zentrum eines neu aufbrechenden Systemkonflikts zwischen autoritären Regimen und demokratischen freiheitlichen Ordnungen.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht nur eine Frage der Wohlstandssicherung, Technologieführerschaft zu erhalten oder zu gewinnen. Weit fundamentaler noch ist sie auch eine Frage der Verteidigung unserer Freiheit und unserer Sicherheit.

Meine Damen und Herren, wir sind in diesem Augenblick, in der Zeit, in der wir jetzt leben, abhängig von Hardware und insbesondere von Software aus den Vereinigten Staaten. Wir sind abhängig von seltenen Erden, von Rohstoffen aus aller Welt. Und wir erleben bereits, wie diese Abhängigkeiten auch von Systemrivalen ausgespielt werden; wir erleben es in diesen Tagen. Wir erleben, dass mit wachsender Aggressivität auch nach unseren verwundbaren Stellen gesucht wird. Nahezu täglich verzeichnen wir hybride Angriffe auf unsere Infrastruktur, unsere Unternehmen, unsere Forschungseinrichtungen. Das heißt, übersetzt für uns in vorausschauende Politik: Es wird eine wesentliche Aufgabe der nächsten Jahre sein, unsere Souveränität durch Innovation zu sichern – auch und gerade unsere digitale Souveränität. 

Ich möchte in diesem Zusammenhang der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, wenn ich mir das erlauben darf, sehr ausdrücklich zu der hervorragenden Wahl von Frau Professor Eckert zur neuen Präsidentin gratulieren. Frau Professor Eckert, ich tue das aus zwei Gründen: Erstens, weil eine Akademie der Technikwissenschaften eine Frau an die Spitze stellt, und zweitens, weil Sie aus der IT-Sicherheitsforschung kommen. Denn das ist genau der Bereich, der für uns, für unsere Wissenschaft, für die Forschung, für die Entwicklung, für unsere Wirtschaft zurzeit einer der entscheidendsten Bereiche für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes ist. Viel Glück, viel Erfolg bei der Aufgabe, die Sie sich vorgenommen haben!

Sie haben hier eben in Ihrer kurzen Begrüßung gesagt: Wir lassen jetzt einmal die Pessimisten an die Seite treten. Etwas Ähnliches haben Sie in Ihrer Antrittsrede bereits gesagt:

„Wir können die großen Herausforderungen unserer Zeit nicht mit dem gleichen Denkansatz lösen, den wir verwendet haben, als wir sie erschufen.“

Ich darf Ihnen allen sagen, meine Damen und Herren: Genau das ist auch die Überzeugung der Bundesregierung. Wir wollen diese Haltung in alle Politikbereiche unseres Landes tragen und übertragen: in die Innen- und Außenpolitik, die sich nicht mehr als getrennte Politikfelder behandeln lassen, sondern die sich als aufeinander verweisende und aufeinander angewiesene Handlungsfelder verstehen müssen; in die Wirtschafts- und in die Forschungspolitik, die wir genauso vernetzt und verbunden in der Zusammenschau in den Blick nehmen; und in einen institutionellen Ausdruck, was uns nicht zuletzt auch zur Gründung des Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung veranlasst hat.

Meine Damen und Herren, nicht zuletzt auch mit dem Zusammenwirken mit dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, das Dorothee Bär leitet, haben wir die Forschungspolitik in unserem Land neu aufgestellt. Wir wollen uns damit in die Lage versetzen, die Innovationsförderung wirklich zu einer Priorität unserer Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik zu machen. Wir wollen Deutschland damit wirksam auf jenes globale Wettrennen ausrichten, von dem ich soeben schon gesprochen habe. Denn es ist ja so – und das wissen Sie alle hier im Raum besser als wir: Wir machen in Deutschland exzellente Grundlagenforschung. Wir haben eine Forschungslandschaft, die weltweit Maßstäbe setzt und im weltweiten Maßstab mithalten kann.

Beim Transfer der Forschung in die Anwendung, in die Produktentwicklung und in die Wertschöpfung gibt es aber Luft nach oben. Wir haben uns als Bundesregierung deshalb das ambitionierte Ziel gesetzt, dass Wirtschaft und Staat zunächst bis 2030 jährlich mindestens 3,5 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung aufwenden. Ja, das ist ambitioniert, aber es ist möglich, wenn wir Wirtschaft und Wissenschaft die Steine aus dem Wege räumen, die Eigeninitiative im Augenblick zu stark behindern.

Wir haben unmittelbar nach dem Regierungsantritt erste Schritte in Richtung Wettbewerbsfähigkeit, Richtung Resilienz, Richtung Innovation unternommen – zum Beispiel mit unserem Investitionssofortprogramm für die Stärkung der Wirtschaft, das auch eine Ausweitung der Forschungszulage umfasst. Viele weitere Schritte werden folgen; denn – das ist unsere gemeinsame Überzeugung – gerade technischer Fortschritt ist entscheidend für die Steigerung des Wachstumspotenzials der deutschen Wirtschaft.

Der Bericht, den das Beratungsgremium der Bundeswirtschaftsministerin vor einigen Tagen vorgelegt hat, zeigt, dass Innovationskraft oft wirkungslos bleibt, weil neue Produkte und Technologien am Standort wirtschaftlich nicht umgesetzt werden können. Wir nehmen diesen Bericht des Beratungsgremiums unserer Bundeswirtschaftsministerin ernst. Solche Hindernisse können an langwierigen Genehmigungsverfahren, an überkomplexer Regulierung oder an mangelnder Risikobereitschaft liegen. Auch hier setzen wir an, auch hier wollen wir besser werden.

Vielleicht wissen es viele von Ihnen: Am 30. Juli haben wir im Bundeskabinett eine Hightech-Agenda für Deutschland verabschiedet. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel in der Forschungspolitik: Wir werden unsere Forschungspolitik in Zukunft gezielt auf technologische Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft ausrichten, so wie es die weltpolitische Lage von uns geradezu verlangt. Ganz praktisch heißt das: Wir fokussieren uns auf die Förderung von zentralen Schlüsseltechnologien – auf Künstliche Intelligenz, auf Quantentechnologien, auf Mikroelektronik, auf Biotechnologie, auf Energieerzeugung und auf klimaneutrale Mobilität.

Wir werden morgen im Bundeskabinett eine Mikroelektronik-Strategie beschließen, mit der wir die Weichen dafür stellen, dass Deutschland ein noch besserer Standort für die Mikroelektronik wird.

Schon vor zwei Wochen haben wir einen Aktionsplan zur Kernfusion verabschiedet, mit dem Ziel, das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland zu errichten. Niemand von uns kann heute genau sagen, wann dies der Fall sein wird. Aber das Ziel, dies zu erreichen, nehmen wir jetzt fest in den Blick.

Genauso werfen wir alles, was uns möglich ist, in die Waagschale, um mindestens eine der fünf AI-Gigafactories nach Deutschland zu holen, deren Aufbau die Europäische Kommission jetzt angekündigt hat.

Warum das alles? Zukunftspotenzial für unseren Wirtschaftsstandort liegt gerade in der klugen Verbindung dessen, worin wir schon Weltmeister sind, nämlich dem Maschinenbau, und dem, wo wir Weltmeister werden wollen, nämlich der Entwicklung von KI-Modellen.

Noch einmal das Stichwort Europa: Meine Damen und Herren, auch im europäischen Binnenmarkt und in der europäischen Forschungslandschaft liegt ein sehr großes und zu weiten Teilen noch ungehobenes Potenzial für den technologischen Fortschritt der Europäischen Union. Wenn wir dieses Potenzial heben wollen, dann müssen wir erstens aufhören, uns selbst ständig zu behindern. Genau dafür setze ich mich, setzen wir uns in Brüssel gemeinsam ein.

Ich nenne ein Beispiel: Der digitale Omnibus, mit dem die Kommission jetzt Vereinfachungen des digitalen Rechtsrahmens auf den Weg bringen will, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber es ist nur ein erster Schritt. Dem müssen weitere folgen. Die zu starke Regulierung auf europäischer Ebene wollen wir zurückdrängen. Wir wollen mehr Freiheiten schaffen. Wir wollen mehr Möglichkeiten zur technologischen Entwicklung schaffen.

Deswegen müssen wir zweitens viel energischer im europäischen Schulterschluss die Aufgabe der digitalen Souveränität angehen. In diesem Sinne werden wir übrigens Mitte November, genauer gesagt am 18. November, hier in Berlin gemeinsam mit den französischen Kolleginnen und Kollegen und mit dem französischen Staatspräsidenten einen deutsch-französischen Gipfel zur digitalen Souveränität ausrichten, der ein Auftakt für noch entschlossenere Kooperationsprojekte insbesondere zwischen unseren beiden Ländern sein soll.

Schließlich drittens: Genauso wichtig ist es, dass wir die Strahlkraft Europas und unseres eigenen Landes als Raum der Freiheit – auch und gerade der Wissenschaftsfreiheit – bewahren, verteidigen und wo immer möglich mehren, meine Damen und Herren. Wir leben in Zeiten, in denen genau diese Wissenschaftsfreiheit wieder in Frage gestellt wird und in denen die Wissenschaftsfeindlichkeit zunimmt, auch und bedauerlicherweise in der transatlantischen Welt. Lassen Sie mich das sagen: Ich sehe das mit allergrößter Sorge.

Für unser Land, für Deutschland gilt: Wir wollen die besten Köpfe weltweit in unseren Forschungseinrichtungen, in unseren Laboren, in unseren Hochschulen. Damit das nicht nur fromme Worte bleiben, werden wir auch wissenschaftspolitisch Weichen neu stellen müssen. Denn zur Wahrheit gehört – viele von Ihnen wissen das und können davon berichten: Es fehlt gerade jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an verlässlichen Karrierewegen in unserem Land. Ich weiß, es gibt bereits zahlreiche Initiativen, in den Wissenschaftseinrichtungen selbst neue Wege zu gehen. Auch der Wissenschaftsrat selbst hat im Sommer wichtige Empfehlungen dazu veröffentlicht.

Ich kann für die Bundesregierung sagen: Wir wollen und wir werden diese Aufgabe angehen, unter anderem auch mit einer Reform des lange umstrittenen Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Genauso werden wir es zur Priorität machen, die Bedingungen für öffentliche und private Forschung weiter zu verbessern. Ein Innovationsfreiheitsgesetz ist in Arbeit. Ebenfalls in Arbeit ist ein Forschungsdatengesetz, mit dem wir die Datennutzung für die Forschung erleichtern.

Vielleicht darf ich an dieser Stelle auch dies hinzufügen: Die Datennutzung, meine Damen und Herren, ist wahrscheinlich eine der zentralen Voraussetzungen für Fortschritt und Innovation, gerade auch in unseren mittelständischen Unternehmen. Der Chef von Microsoft hat mir am Rande der letzten Weltwirtschaftstagung in Davos gesagt: Ihr Deutschen wisst gar nicht, welchen Schatz ihr habt, insbesondere in euren mittelständischen Unternehmen. Diese Unternehmen verfügen über so viele interessante Daten; Ihr müsst sie nur endlich gemeinsam nutzen. Deswegen schließe ich daraus die Schlussfolgerung: Wir müssen miteinander sehr viel mehr über Datensicherheit reden, aber bitte etwas weniger über Datenschutz. Diese Prioritäten müssen und wollen wir auch in unserem Land ändern.

Meine Damen und Herren, damit haben wir so viel, worauf wir in Deutschland bauen können. Wir haben in Deutschland eine Wissenschaftslandschaft, auf die wir alle zusammen stolz sein können, auf die wir setzen können – ich sage das auch aus eigener Anschauung. Ich darf Ihnen versichern, dass mich wenige Besuche, die ich als Bundeskanzler machen darf, so beeindrucken und mit einer solchen Zuversicht für unser Land zurücklassen wie Besuche an unseren Hochschulen, an unseren Forschungseinrichtungen und bei forschenden Unternehmen.

Ich will Ihnen einige Beispiele nennen: In den vergangenen Wochen war ich beim Helmholtz-Zentrum CISPA in Saarbrücken, beim Exzellenzcluster RESIST an der Medizinischen Hochschule Hannover, bei der Fraunhofer-Forschungsfabrik Batteriezelle in Münster. Gerade heute Morgen war ich beim Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, das in den kommenden Jahren mit Förderung der Hasso-Plattner-Stiftung zu einem internationalen Spitzeninstitut in KI und Digitalwissenschaften ausgebaut werden soll–‑ übrigens eine einzigartige Kooperation von einer privatwirtschaftlichen Initiative, einer Stiftung und einer öffentlichen Hochschule.

Es ist mir völlig unverständlich, wie man dagegen ernsthafte politische Einwendungen erheben kann. Wir werden das unterstützen, und wir werden fördern, meine Damen und Herren, dass diese Kooperation zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auch in Zukunft möglich ist, dass sie noch besser wird, als sie zum Beispiel in einem solchen beispielhaften Vorgang wie in Potsdam auf den Weg gebracht worden ist.

Nun werden wir gleich von Rafael Laguna – ich bin mir sicher – noch einiges Vielversprechendes hören und berichtet bekommen. Mit der Bundesagentur für Sprunginnovationen haben wir sozusagen eine Institution für Innovationswettbewerbe in Deutschland, die Innovatorinnen und Innovatoren dabei hilft, ihre Ideen vielleicht nicht mehr nur auf die Schiene, sondern auch auf den Markt zu bringen.

Aber hier sind wir an dem Punkt, an dem wir als Land insgesamt besser werden müssen; auch dazu werden Sie sicherlich gleich etwas sagen, lieber Herr Laguna. Worin wir nicht gut genug sind, das ist eben die Übersetzung unserer exzellenten Grundlagenforschung in Geschäftsmodelle und Anwendungen hier in Deutschland, in Produkte und Dienstleistungen, die unser Leben erleichtern und wirtschaftlichen Wohlstand erst möglich machen. Das ist die Problemdiagnose, die uns in der Bundesregierung umtreibt, und wir drehen an einigen Stellschrauben, um dieses Problem zu lösen. Dazu dient die eben schon genannte Hightech-Agenda mit ihrer Technologie-Roadmap. Dazu arbeiten wir mit unserem geplanten Bundesexperimentiergesetz an der Ermöglichung von Reallaboren und konkreten fachgesetzlichen Öffnungs- und Experimentierklauseln. Das Bundeswirtschaftsministerium erarbeitet in diesem Augenblick eine ressortübergreifende Start-up-Strategie. Dazu stärken wir den Wagniskapitalmarkt wie zuletzt mit unserem Standortfördergesetz und durch die Mobilisierung privaten Kapitals.

Auch dazu ein offenes Wort: Wir setzen uns in Brüssel ein für zügige Fortschritte bei der Europäischen Kapitalmarktunion, für konsequenten Bürokratierückbau, für eine effektive, unternehmensfreundliche und bürokratiearme Umsetzung der EU-Start-up- und Scale-up-Strategie. Aber wir können auch im eigenen Land einiges besser machen.

Meine Damen und Herren, wir müssen den Kapitalmarkt – diesen Kapitalmarkt, den wir haben – sehr viel stärker für Forschung, für Entwicklung, auch für Unternehmensgründungen, in Anspruch nehmen, damit sozusagen ein Strategiekreis aus Technologie und Innovation schließt. Dieser Kreis ist im Aufbau, in Zusammenarbeit – auch mit Ihnen in der acatech. Mit staatlichen Weichenstellungen allein – das will ich auch sagen – wird es nicht getan sein. Wir brauchen genauso einen Mentalitätswechsel an den Universitäten und Forschungseinrichtungen, mehr Durchlässigkeit von Wissenschaft und Wirtschaft, und wir brauchen noch mehr einen Mentalitätswechsel in Wirtschaft und Gesellschaft, mehr Pioniergeist, mehr Risikobereitschaft, mehr Freude am Experiment.

Unsere deutschen Schlüsselindustrien – Pharma, Automobil, Chemie, Stahl – sind alle vor 100 Jahren genau damit, mit dieser Mentalität, aufgebaut worden: mit Mut am Wagnis, mit Lust darauf, etwas Neues auszuprobieren. Nur damit werden wir sie erhalten; nur damit werden wir auch zukünftige Schlüsselindustrien bei uns verankern. Trauen wir uns das doch bitte gemeinsam zu, meine Damen und Herren!

Ich sage es auch aus meiner Sicht: Diejenigen, die etwas älter sind, meine Damen und Herren, diejenigen unter Ihnen, die in den 60er, 70er, 80er Jahren aufgewachsen sind – mir scheint, wenn ich in den Saal schaue, das ist die Mehrzahl hier –, sind mit einiger Wahrscheinlichkeit auch mit den großen Science-Fiction-Serien aufgewachsen, die in dieser Zeit so ungeheuer erfolgreich waren: Star Trek, Star Wars. Vielleicht erinnern Sie sich. Im Vorspann jeder einzelnen Star-Trek-Folge wird aus dem Off das legendäre „mission statement“ des Raumschiffs Enterprise verkündet: 

„[...]  to boldly go where no one has gone before.“

Übersetzt ins Deutsche: kühn und wagemutig ins Unbekannte aufzubrechen, Grenzen zu verschieben. Das ist ein Satz, der Innovationsfreude zum Ausdruck bringt, so voller Abenteuerlust, der damit übrigens paradigmatisch genau das ist, was für einen allgemeinen Fortschrittsoptimismus unserer Zeit benötigt wird, dass es möglich ist, mit technischen Innovationen das Leben der Menschen grundsätzlich besser zu machen, auch und gerade in unserem Land.

Dieser Fortschrittsoptimismus, meine Damen und Herren, ist uns, wenn ich es richtig beobachte, in den letzten Jahren ein bisschen abhandengekommen; jedenfalls bei uns in Deutschland und auch in Europa. Aber der Wille, sich damit nicht zufriedenzugeben, sondern die Dinge besser zu machen, der verbindet uns, und dafür gemeinsam immer wieder aufzubrechen, auch ins Unbekannte. Das steht übrigens im Kern dessen, was Europa, was den normativen Westen, wie wir es früher einmal genannt haben, was auch uns in Deutschland so lange ausgemacht hat. Neugier, Wissensdrang, das macht uns aus – und genauso die Fähigkeit, diesen Wissensdrang und den technischen Fortschritt an Zielen auszurichten, die dem Gemeinwohl dienen, die einem Leben – ja – in Freiheit dienen.

Meine Damen und Herren, das ist keine politische Prosa, sondern – ich möchte es so deutlich noch einmal sagen – eine Beschreibung dessen, was ich in den deutschen Forschungseinrichtungen und Unternehmen in diesen Tagen und Wochen sehe und höre.

Ich habe vor einigen Monaten genau hier am Gendarmenmarkt in Berlin eine Laudatio halten dürfen auf Özlem Türeci und Uğur Şahin, die Gründer von BioNTech, die mit ihrem COVID-19-Impfstoff Millionen Menschen in Deutschland, in Europa und auf der Welt – im wahrsten Sinne des Wortes – das Leben gerettet haben. In diesem Augenblick arbeiten die beiden weiter an mRNA-Impfstoffen, die ultimativ vielleicht einen Sieg über den Krebs bedeuten können.

Ich war im vergangenen Monat bei der Einweihung des Supercomputers JUPITER am Forschungszentrum Jülich. Er schafft als erster Computer in Europa und als einer von nur vier, soweit wir das weltweit wissen, mehr als eine Trillion Recheneinheiten pro Sekunde. Manche Innovationen, die mit diesen Rechnerfähigkeiten möglich werden, können wir uns wahrscheinlich heute noch gar nicht vorstellen.

Was ist das, was ich gerade beschrieben habe? Was ist das, wenn nicht großartige Erfolgsgeschichten, die uns in Deutschland beflügeln könnten und auch beflügeln sollten? Lassen Sie uns auch davon sprechen. Lassen Sie uns davon auch viel in die gesellschaftspolitische Debatte unseres Landes tragen. Denn viele Menschheitsprobleme, vor denen wir heute stehen – nicht alle, aber vielleicht doch viele –, lassen sich eben technologisch sehr viel besser lösen, aber zumindest lindern und besser bewältigen. Das ist der Klimawandel; das ist die Verbindung von Ökonomie und Ökologie; das ist eine Reihe von Krankheiten, die wir bekämpfen können; das sind Pandemien bis hin zu Naturkatastrophen.

In jeder einzelnen dieser von mir eben genannten sechs Schlüsseltechnologien, auf die wir uns jetzt in der Hightech-Agenda konzentrieren, stecken genau da große Potenziale: für Nachhaltigkeit, für personalisierte Medizin, für neue Therapien, für Frühwarnsysteme, für unsere Sicherheit und – last but not least – auch für unsere Freiheit in Europa. Wenn wir alle zusammen, meine Damen und Herren, davon ein bisschen mehr erzählen, wenn wir etwas mehr darüber berichten, auch öffentlich diskutieren, dann werden wir in Deutschland auch wieder etwas von dem Fortschrittsoptimismus zurückgewinnen, der uns ansteht, den wir einmal hatten und den wir für die Zukunft brauchen, gerade in diesen Zeiten, in denen wir leben. Denn es sind geopolitisch außergewöhnlich schwierige Zeiten – Zeiten des Umbruchs, Zeiten einer Weltneuordnung, Zeiten, die jetzt schon Zumutungen für unser Land und unsere Gesellschaft auslösen. Wir müssen alle gemeinsam mehr tun für die Bewahrung unserer Freiheit, als wir es vielleicht in den letzten Jahren und Jahrzehnten gewohnt waren. Aber wir leben weiterhin in Freiheit, und wir können daraus gemeinsam wirklich etwas Großartiges machen, nicht zuletzt durch Forschung, Entwicklung und Technologie.

Herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit.