Pressestatement von Kanzler Merz und Schweizer Bundespräsidentin Keller-Sutter
Die Schweiz sei für Deutschland ein „verlässlicher und guter Nachbar”, so Kanzler Merz beim Besuch der Schweizer Bundespräsidentin Keller-Sutter in Berlin. Er kündigte an, die bilateralen Beziehungen und die Zusammenarbeit der Schweiz mit der EU weiter auszubauen.
- Mitschrift Pressekonferenz
- Dienstag, 2. September 2025
Bundeskanzler Merz hat die Schweizer Bundespräsidentin Keller-Sutter in Berlin empfangen. Er betonte die gute Zusammenarbeit, die ausgebaut werden soll.
Foto: Bundesregierung/Marvin Ibo Güngör
„Unsere Grenzregionen sind engstens miteinander verbunden. Schweizer und Deutsche erbringen dort zusammen Spitzenleistungen in Forschung und Innovation.” Das sagte Bundeskanzler Friedrich Merz in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Schweizer Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter im Bundeskanzleramt in Berlin. Als Beispiel nannte er die Pharmaindustrie. Die Zusammenarbeit in den Grenzregionen solle weiter verstärkt werden, davon profitiere ganz Europa, sagte der Kanzler.
Das Wichtigste in Kürze:
- Gemeinsam für Frieden in der Ukraine: Gemeinsam wollen Deutschland und die Schweiz in der internationalen Sicherheitspolitik alles tun, damit es bald einen Frieden zwischen Russland und der Ukraine gebe, bekräftigte Bundeskanzler Merz. Deutschland könne sich Genf als geeigneten Austragungsort für ein Waffenstillstandsabkommen vorstellen und werde eine Einladung nach Genf auch in der Koalition der Willigen vorschlagen, sagte der Kanzler.
- Zusammenarbeit in und für Europa: Man wolle neben den „exzellenten” bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz auch deren Kooperation mit der Europäischen Union weiter ausbauen. Dafür gelte es, die Abkommen zur Modernisierung und Erweiterung der Beziehungen zügig umzusetzen. Das werde beide Länder wettbewerbs- und widerstandsfähiger machen, so der Kanzler.
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Bundeskanzler Friedrich Merz:
Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass ich heute die Bundespräsidentin der Schweiz, Frau Karin Keller-Sutter, im Kanzleramt herzlich willkommen heißen darf. Es ist Ihr erster Besuch als Bundespräsidentin hier im Bundeskanzleramt. Ich freue mich sehr darüber. Ich freue mich, Sie zu begrüßen; denn die Schweiz ist ein verlässlicher und guter Nachbar.
Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen und allen Schweizerinnen und Schweizern zunächst von dieser Stelle aus ein herzliches Wort des Dankes für einen Sommer voller großartiger Fußballmomente sage. Wir haben eine Fußball-Europameisterschaft der Frauen mit fantastischen Spielen in der Schweiz, die sich wirklich als exzellenter Gastgeber erwiesen hat, erlebt. Leider ist unsere Mannschaft nicht in das Endspiel gekommen; sonst wäre ich beim Endspiel in Basel gern dabei gewesen.
Aber auch unabhängig davon sind die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zur Schweiz exzellent. Wir wollen die Beziehungen ausbauen. Wir wollen auch die Beziehungen der Schweiz zur Europäischen Union ausbauen. Es ist gut, dass die Abkommen über Modernisierung und Erweiterung der Beziehungen ausverhandelt sind. Wir wollen sie nun zügig umsetzen. Wenn sie in Kraft treten könnten, würde das unsere beiden Länder wettbewerbsfähiger und auch widerstandsfähiger machen. Diese Zusammenarbeit – darüber haben wir beide gerade eben ausführlich gesprochen – brauchen wir mehr denn je, denn die Welthandelsordnung ist unter Dauerstress. Da ist es gut, wenn es noch bilaterale Beziehungen gibt, die stabil sind und vom selben Geiste des Freihandels, der offenen Grenzen und der guten Beziehungen zueinander geprägt sind. Das wissen wir beide voneinander.
Aber wir erleben auch beide die großen Herausforderungen in der Handelspolitik, etwa in unserem Verhältnis zu der amerikanischen Regierung. Die Schweiz ist durch sehr hohe Zölle ganz besonders betroffen. Umso enger müssen wir in Europa zusammenrücken und zusammenarbeiten. Das tun wir. Ich habe der Schweiz und der Frau Bundespräsidentin von unserer Seite aus noch einmal angeboten, dass wir das gerne vertiefen wollen. Wir haben schon gute nachbarschaftliche Beziehungen. Unsere Grenzregionen sind engstens miteinander verbunden. Schweizer und Deutsche erbringen dort zusammen Spitzenleistungen in Forschung und Innovation. Das gilt zum Beispiel für die Pharmaindustrie. Davon profitiert ganz Europa. Aber wir wollen diese Zusammenarbeit auch weiter verstärken.
Ich habe der Frau Bundespräsidentin versichert, dass wir auch an offenen Grenzen, am gemeinsamen Schengen-Raum festhalten wollen. Denn wir haben eine große Zahl von Pendlern, die in Deutschland wohnen und in der Schweiz arbeiten oder umgekehrt. Wir wollen, dass diese Menschen sich auch weiterhin möglichst frei bewegen können und auch, wenn es notwendig ist, einmal oder mehrfach täglich über die Grenze fahren und dort arbeiten und leben können. Wir tun das auch zusammen mit unserem Nachbarn Frankreich. Es gibt die Regierungskommission Oberrhein, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feiern wird. Wir wollen also auch mit unserem Nachbarn Frankreich eng zusammenarbeiten.
Das gilt für unsere Volkswirtschaften; das gilt aber auch für die Sicherheitspolitik. Uns eint der Wille und die feste Absicht, alles zu tun, damit es bald einen Frieden zwischen Russland und der Ukraine gibt. Ich habe der Bundespräsidentin erneut versichert, dass zum Beispiel Genf als Austragungsort für ein entsprechendes Waffenstillstandsabkommen geeignet wäre. Ich werde übermorgen in der sogenannten Koalition der Willigen erneut vorschlagen, dass dorthin eingeladen wird.
Vielleicht ein abschließendes Wort auch zu den handelspolitischen Fragen: Wir wollen uns gemeinsam darum bemühen, dass über die Grenzen unserer Länder hinaus zusammen mit der Europäischen Union und anderen Ländern auf der Welt, die guten Willens sind, auch wieder eine stärker regelbasierte Ordnung in der Handelspolitik etabliert wird. Ich freue mich sehr, dass wir wirklich ganz nahtlose Übereinstimmung in der Beurteilung dieser Fragen haben. Es geht nämlich darum, wieder eine Welthandelsordnung über das hinaus, was wir haben, zu etablieren, innerhalb derer man sich an Regeln hält und Streitbeilegungsmechanismen etabliert, die funktionieren und personell besetzt werden. Das alles ist leider mit der WTO im Augenblick nicht der Fall. Wir wollen das nicht aufgeben, sondern wir wollen uns darum bemühen, wieder eine entsprechende Handelsordnung auf der Welt zu schaffen. Deswegen lege ich so viel Wert darauf, dass Handelsabkommen abgeschlossen werden. Aber deswegen freue ich mich auch so sehr über die Übereinstimmung, die wir haben, wenn es um handelspolitische Fragen geht. Denn wir sind beide der festen Überzeugung und auch wirklich engagierte Vertreter eines offenen, freien und fairen Welthandels. Gerade die Schweiz und Deutschland wissen, dass sie darauf angewiesen sind. Unsere beiden Länder sind sehr stark exportorientierte Volkswirtschaften. Deswegen gehen wir hier auch mit einer gemeinsamen Richtung vor, wenn es darum geht, Grenzen zu öffnen, den Welthandel zu ermöglichen und gute Handelsbedingungen auf der Welt für unsere Länder zu schaffen.
Also noch einmal herzlichen Dank für das gute Gespräch, das gute Miteinander und weiter gute Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Deutschland!
Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter:
Vielen herzlichen Dank! Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass ich heute hier in Berlin zu Gast sein darf. Ich bedanke mich für die außerordentlich herzliche Gastfreundschaft. Ich hatte mich terminlich eigentlich schon auf Ihren Besuch in Basel zum Finale eingestellt, aber manchmal kommt es halt anders. Aber das deutsche Frauenteam hat eine außerordentliche Leistung gezeigt.
In Zeiten, in denen Stabilität und Rechtssicherheit nicht mehr selbstverständlich sind, ist es wichtig, dass man sich unter gleichgesinnten Partnern trifft, unter Partnern, die für eine regelbasierte, eine wertebasierte Ordnung einstehen und die für offene Märkte stehen, die für Freihandel stehen und die diese Elemente auch stärken wollen. Wir haben heute die Breite und Tiefe der bilateralen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit unserer Länder gewürdigt. Die Grenzregionen stehen dabei besonders im Fokus. Der Bundeskanzler hat es erwähnt, sie sind Treiber für die Wirtschaft, die Forschung und auch die Innovation in Europa. Mit den benachbarten Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern hat die Schweiz ein Handelsvolumen, das fast so groß ist wie jenes mit China.
Darüber hinaus besteht natürlich zusätzliches Potenzial in anderen deutschen Regionen. In unserem Gespräch ging es wesentlich darum, wie die Partnerschaft weiter vertieft werden kann. Ich werde mich heute Nachmittag gleich noch anschließend mit Vertreterinnen und Vertretern der deutschen Wirtschaft treffen. Dieses Treffen dient auch dazu, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland zu vertiefen. Es sind auch weitere Treffen auf technischer Ebene geplant. Die Schweiz ist ein wichtiger Zulieferer, insbesondere für die Automobilindustrie. Auch im Infrastrukturbereich sehen wir in den kommenden Jahren Opportunitäten für Schweizer Firmen. Die Schweiz will zur deutschen Wirtschaftswende beitragen. Wenn Deutschland wirtschaftlich stark ist, dann sind auch andere stark. Das muss ein gemeinsames Ziel sein.
Deshalb haben wir auch über die Wettbewerbsfähigkeit in unseren Ländern und in Europa gesprochen. Gerade die Bemühungen der Europäischen Union im Rahmen der Omnibusrichtlinie sind sehr begrüßenswert. Auch der schweizerische Bundesrat möchte Regulierungen vereinfachen und den administrativen Aufwand für Firmen verringern. Ich denke, dass wir gerade hier ansetzen müssen, da wir selbst handeln können und uns stärken.
Ein weiteres zentrales Thema – Sie haben es gehört – war die Sicherheit unseres Kontinents. Aus Schweizer Sicht ist ein fairer Friedensprozess für die Ukraine unabdingbar, um die Sicherheit Europas zu garantieren. Das große Engagement der deutschen Bundesregierung in dieser Frage ist für Europa von Bedeutung. Die Schweiz ist bereit, die Suche nach einer Friedenslösung mit ihren guten Diensten wie der Gaststaatdiplomatie und auch mit ihrer Expertise zu unterstützen und, wenn es dazu kommen sollte, entsprechende Gespräche in Genf aufzugleisen und abzuhalten.
Wir haben auch über die Auswirkungen der US-Zollpolitik auf Europa gesprochen. Für die Schweiz ist es äußerst wichtig, dass in einer Zeit großer globaler Unsicherheit mindestens die innereuropäischen Handelsfriktionen vermieden werden und man – ich habe es bereits erwähnt – unter gleichgesinnten Partnern die bilaterale Zusammenarbeit noch verstärken kann. Als offene Volkswirtschaften haben unsere Länder ein gemeinsames Interesse an einer regelbasierten Welthandelsordnung. Der hindernisfreie Handel ist die Grundlage für Wohlstand in Europa und die treibende Kraft für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.
Mit diesen Worten bedanke ich mich nochmals herzlich beim Bundeskanzler für den freundschaftlichen Empfang und für den Austausch, den wir heute pflegen durften. Es ist gerade in dieser Zeit sehr wichtig, dass man die gemeinsamen Werte betonen kann.
Frage: Ich habe eine Frage an Sie beide. Frau Bundespräsidentin, haben Sie Kanzler Merz im Zollstreit mit den USA um Schützenhilfe gebeten?
Herr Bundeskanzler, Sie haben ein besseres Verhältnis zu Donald Trump. Werden Sie ein gutes Wort für die Schweiz einlegen, oder haben Sie das schon getan?
Bundeskanzler Merz: Sie zuerst.
Bundespräsidentin Keller-Sutter: Es hat einmal jemand gesagt: In vermintem Gelände sind alle Männer Gentlemen nach dem Motto: Ladies first!
Wir haben natürlich darüber gesprochen, aber letztlich muss die Schweiz dieses Problem selbst lösen. Wenn es Unterstützung von außen geben kann, dann nehmen wir diese Unterstützung natürlich gern in Anspruch. Aber das Staatssekretariat für Wirtschaft, das SECO, ist an der Arbeit. Sie wissen, dass der Bundesrat eine neue Offerte unterbreitet hat. Wir arbeiten daran.
Bundeskanzler Merz: Vielen Dank für die sehr freundliche Apostrophierung. Aber es war wirklich nur Höflichkeit, ich gehe der Antwort nicht aus dem Weg.
Ich darf sagen, dass wir im Hinblick auf die Begegnungen in den USA schon in den letzten Tagen miteinander gesprochen und uns ausgetauscht haben. Ich hoffe sehr, dass es gelingt, dass die exorbitant hohen Zollsätze für die Schweiz, die zurzeit von den Amerikanern verlangt werden, noch gesenkt werden können. Wir haben das in Europa mit der Europäischen Union einigermaßen hinbekommen, wobei die Lage für uns auch nicht komfortabel ist. Wir haben noch einige Bereiche wie Stahl und Aluminium, die noch nicht ausverhandelt sind und in denen wir zurzeit sogar Zölle in Höhe von 50 Prozent bezahlen müssen.
Wir haben hierbei also gleichlaufende Interessen und versuchen, das gemeinsam zu lösen. Selbstverständlich bin ich gern bereit, die Schweiz mit einzubeziehen. Sie gehört zum europäischen Wirtschaftsraum dazu. Insofern haben wir hierbei gemeinsame Interessen, die wir auch gemeinsam vertreten.
Frage: Herr Bundeskanzler, am Donnerstag findet das nächste Ukrainetreffen in Paris statt. Dabei soll es auch um Sicherheitsgarantien gehen. Welche Erwartungen haben Sie an dieses Treffen? Wird es konkrete Ergebnisse geben?
Teilen Sie die doch recht deutliche Kritik Ihres Verteidigungsministers an der EU-Kommissionspräsidentin, die von sehr präzisen Plänen der Europäer zum Einsatz von Bodentruppen in der Ukraine nach einem Waffenstillstand gesprochen hat?
Frau Bundespräsidentin, der Bundeskanzler hat es gerade schon erwähnt: Die Schweiz hat sich als Gipfelort für ein mögliches Treffen von Präsident Putin und Präsident Selenskyj angeboten. Waren Sie in jüngster Zeit mit den möglicherweise beteiligten Ländern in Kontakt, mit der Ukraine, Russland oder vielleicht auch mit den USA? Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass ein solches Treffen noch stattfinden kann?
Bundespräsidentin Keller-Sutter: In der Tat hatten wir selbstverständlich Kontakt. Unser nationaler Sicherheitsberater ist auch mit Russland in Kontakt. Vergangene Woche waren die ukrainische Premierministerin und der Chef des Präsidialamtes, Herr Jermak, zu Gast in der Schweiz. Wir haben selbstverständlich darüber gesprochen. Als wir Anfang August in den USA waren, gab es auch die Gelegenheit, mit Secretary Rubio darüber zu sprechen.
Letztlich geht es um die Sache. Wir haben einfach gesagt: Wir sind bereit, das auszurichten, weil Genf ein idealer Ort sein könnte. Aber es ist wichtig, dass diese Leute überhaupt miteinander reden, dass es überhaupt einen Schritt vorwärts geht und dass dieser Krieg beendet werden kann. Wir haben gerade in den letzten Tagen wieder gesehen, welches Leid angerichtet wurde.
Aber es wird natürlich davon abhängen, dass alle Parteien bereit sind, sich an den Tisch zu setzen. Man kann jeden noch so guten Konferenzort anbieten, wenn man nicht die Bereitschaft hat, miteinander zu sprechen. Das ist der erste Schritt. Ich denke, dabei kann gerade auch Deutschland sicherlich eine Rolle spielen. Wir werden sehen, wie sich das jetzt entwickelt und wie schnell das überhaupt gehen kann.
Bundeskanzler Merz: Herr Fischer, wir werden am Donnerstagvormittag im Wege einer Videokonferenz die Koalition der Willigen erneut zusammenrufen. Ich habe mit Präsident Macron in der vergangenen Woche in Toulon verabredet, auch in Abstimmung mit den Briten, dass wir in dieser Woche eine erneute Videokonferenz unternehmen. Dabei wird es auch um die weiteren Hilfen für die Ukraine gehen. Wir werden gemeinsam versuchen, die Lage zu analysieren.
Die Frage der Sicherheitsgarantien wird dabei eine Rolle spielen. Aber die wichtigste Sicherheitsgarantie, die wir im Augenblick geben können, ist eine ausreichende Unterstützung der ukrainischen Armee in dem Bemühen, das Land zu verteidigen. Das wollen wir fortsetzen. Wir wissen, dass wir das auch über mögliche Waffenstillstandsverhandlungen und Friedensverhandlungen fortsetzen müssen. Die Ukraine muss auf Dauer in der Lage sein, das Land zu verteidigen, und dabei wollen wir ihr helfen, und zwar jetzt und auch in Zukunft.
Wenn ich „wir“ sage, dann meint das vor allen Dingen die Koalition der Willigen. Die Europäische Union spielt eine Rolle, keine Frage. Aber etwa bei der Frage, welche militärische Unterstützung wir leisten, liegt diese Frage ausschließlich in der Zuständigkeit der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union und aller anderen, die sich daran beteiligen. Ich will in diesem Zusammenhang gerne und immer wieder auch Großbritannien nennen. Großbritannien ist nicht Mitglied der Europäischen Union, leider nicht mehr, aber Großbritannien ist im engsten Kreis derer, die diese Koalition der Willigen führen und die auch dafür sorgen, dass wir diesen Auftrag gemeinsam erfüllen. Deswegen ist das eher eine Aufgabe, die in dieser Konstellation liegt, als eine Aufgabe der Europäischen Union.
Frage: Ich habe eine Frage an den Herrn Bundeskanzler und an die Präsidentin. Hatten Sie auch Gelegenheit, heute über die Situation in Israel und im Gazastreifen zu reden?
Die Position der Bundesregierung hier in Deutschland zu Sanktionen der EU gegenüber Israel ist ziemlich negativ. Was müsste geschehen, um diese Position eventuell zu überdenken?
Bundespräsidentin Keller-Sutter: Wir haben nicht darüber gesprochen. Das war kein Thema beim heutigen Gespräch.
Bundeskanzler Merz: Das ist auch deshalb kein Thema, weil wir in diesen Fragen ja zunächst einmal Einigung innerhalb der Europäischen Union erzielen können oder sollten. Aber Sie wissen auch, dass es hier sehr unterschiedliche Vorstellungen gibt. Da wird sich die Bundesrepublik Deutschland auch nicht allen Vorschlägen anschließen, die in der Europäischen Union gegenwärtig diskutiert werden. Aber wenn wir darüber gesprochen hätten, vermute ich, wären wir in der Lageanalyse, in der Beschreibung der Lage, ziemlich schnell zum selben Ergebnis gekommen. Aber es liegt dann auch in der Verantwortung der jeweiligen Staaten, hier Schlussfolgerungen zu ziehen. Deswegen war das für unser Gespräch heute Mittag kein Thema.
Frage: Frau Bundespräsidentin, Sie haben über den Zollstreit gesprochen und auch über die Bedrohung der Ukraine durch Russland. Deswegen hätte ich Sie ganz gerne ein bisschen provokanter gefragt: Glauben Sie, dass in dieser Zeit, in der Bedrohungen aus der einen Richtung und Drohungen aus der anderen Richtung kommen, die Schweiz immer noch alleine und neutral in Europa marschiert? Das schwächt Europa, könnte man sagen, weil man nicht gemeinsam gegenüber Herrn Trump auftreten kann. Bedeutet Neutralität in diesen Zeiten also nicht eigentlich etwas mehr als Trittbrettfahrerei?
Herr Bundeskanzler, ich hätte Sie ganz gerne gefragt, nachdem die SPD sich für einen Beitritt der Schweiz zur EU offen gezeigt hat, ob Sie sich das vorstellen können und für wünschenswert halten.
Aus aktuellem Anlass: Mehr als 200 Afghanen haben an Sie persönlich und den Außenminister einen Brief geschrieben und bitten um Hilfe. Sie sind in Kabul gestrandet, haben Angst um ihre Zukunft. Können und wollen Sie diesen Menschen dabei helfen, dass sie nach Deutschland kommen?
Bundespräsidentin Keller-Sutter: Ich glaube, man muss zwei Tatbestände auseinanderhalten. Die Schweiz ist nicht Mitglied der Europäischen Union, und deshalb ist sie auch nicht Mitglied der Zollunion, und deshalb muss sie oder hat sie auch selbst mit den Vereinigten Staaten verhandelt. Das ist also jetzt nicht eine Frage der Neutralität, sondern eine Frage der Gegebenheiten. Wir sind nicht Mitglied der EU und selbst zuständig für die Zölle.
Dann komme ich zu der anderen Frage. Die Neutralität ist einfach in der Schweizer Bevölkerung stark verankert. Das ist ein Identitätsmerkmal der Schweizer Bevölkerung. Die Frage, die sich aber stellt und die aktuell bei uns im Bundesparlament diskutiert wird, ist jene der Kriegsmaterialausfuhr. Hier hat der Bundesrat immer die Position vertreten, dass es bei den Ausfuhrbestimmungen eine Abweichungskompetenz für den Bundesrat geben sollte, damit der Bundesrat, wenn es die außen- und sicherheitspolitischen Interessen des Landes erfordern, eben vom Kriegsmaterialgesetz abweichen kann. Aber diese Frage geht seit längerer Zeit zwischen beiden Parlamentskammern hin und her, und der Bundesrat hofft, dass hier eine Lösung gefunden wird, übrigens auch deshalb, weil wir ja unsere eigene Rüstungsindustrie auch stärken möchten. Diese wurde wie überall und auch in Europa ja auch abgebaut, weil die Zustände und die geopolitische Lage einfach anders waren, und jetzt, wenn man die Rüstungsgüter eigentlich braucht, können wir nicht auf die entsprechende Industrie zählen. Deshalb ist es wichtig, dass dieses Kriegsmaterialgesetz in der Schweiz angepasst wird. Aber das liegt jetzt in den Händen des Parlaments, und es wird darüber entscheiden, wie es dieses Gesetz ausgestalten will.
Bundeskanzler Merz: Zunächst einmal zu der Frage des Briefes der Afghanen: Ich habe von diesem Brief zuerst aus den Medien erfahren. Ich nehme ihn natürlich ernst. Aber wir prüfen im Augenblick die Berechtigung zu einer Einreise in die Bundesrepublik Deutschland in jedem Einzelfall. Hier gibt es Fälle, die sehr eindeutig sind, es gibt Fälle, die nicht so eindeutig sind, und in jedem Falle steht eine Sicherheitsüberprüfung vor jeder individuellen Einreise. Die Bundesrepublik Deutschland ist unter der Vorgängerregierung einige Rechtsverpflichtungen eingegangen, die sie selbstverständlich auch unter dieser Regierung erfüllen muss. Aber wir stellen das alles unter den Vorbehalt der Überprüfung, insbesondere im Hinblick auf die Sicherheit. Vor diesem Hintergrund prüfen wir selbstverständlich auch die Bitte der 200 Afghaninnen und Afghanen, die an uns herangetreten sind.
Was die Mitgliedschaft der Schweiz in der Europäischen Union betrifft: Das ist ein Thema, das im Augenblick nicht auf der Tagesordnung steht. Ich will allerdings hinzufügen: Ich wünsche mir eine Zusammenarbeit mit der Schweiz, die zwischen der Europäischen Union und der Schweiz so eng wie möglich ausgestaltet wird. Ich habe der Frau Bundespräsidentin gesagt, dass ich immer ein großer Befürworter auch der Integration in unterschiedlichen Tiefen bin. Man kann es konzentrische Kreise oder wie auch immer nennen. Dabei kann bzw. sollte die Schweiz eine große Rolle spielen. Wir haben vielfältige gemeinsame Interessen.
Ich sehe und verstehe die Kritik, die in der Schweiz auch an bestimmten Ausprägungen der europäischen Politik geübt wird. Ich teile sie zum Teil. Aber das sollte uns nicht daran hindern, mit der Schweiz so eng wie möglich zusammenzuarbeiten, und zwar nicht nur bilateral, sondern auch europäisch. Je enger unser Verhältnis miteinander ist, desto besser ist es für alle Beteiligten, für die Bürgerinnen und Bürger, für die Unternehmen, für die Konsumenten. Mein Wunsch ist also eine auch institutionell enge Zusammenarbeit mit der Schweiz. Wie eng sie sein kann, das entscheiden zunächst einmal die Schweiz und die Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz in vollkommen eigener Souveränität, und die respektieren wir selbstverständlich.
Vielen Dank! Gute weitere Gespräche!