Rede des Bundeskanzlers anlässlich der Verleihung des Großen Stutenkerls
Bei der Verleihung des Großen Stutenkerls würdigte Bundeskanzler Friedrich Merz Handwerk, Mittelstand und familiengeführte Betriebe. Zugleich warb er angesichts globaler Umbrüche für Zuversicht und gemeinsames Handeln – in Deutschland und in Europa.
Die Verleihung des Großen Stutenkerl nahm Bundeskanzler Merz dankend entgegen.
Foto: Bundesregierung/Xander Heinl
Bundeskanzler Friedrich Merz ist in Dortmund mit dem Großen Stutenkerl ausgezeichnet worden. Der Bäckerinnungsverband WEST würdigte damit seine Unterstützung für Handwerk und Mittelstand. In seiner Rede dankte Merz den Bäckerinnen und Bäckern für ihre Arbeit und rief zu Zuversicht in Zeiten globaler Umbrüche auf. Darüber hinaus sprach er sich für bessere Rahmenbedingungen für das Handwerk aus.
Lesen Sie hier die gesamte Rede:
Bundeskanzler Friedrich Merz:
Meine Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Hinkelmann,
Herr von Polheim,
Herr Bartilla,
Herr Funke,
Herr Ermer,
Herr Uhlig,
lieber Aki Watzke,
meine Damen und Herren aus dem Bäckerhandwerk,
herzlichen Dank für das freundliche Willkommen und die sehr liebenswürdige Begrüßung heute Morgen hier in Dortmund. Ich freue mich sehr, dass wir etwas verspätet Gelegenheit haben, die Auszeichnung miteinander zu feiern. Ich bedanke mich dafür und freue mich sehr darüber. Auch wenn die Advents- und Weihnachtszeit schon zurückliegt, ist es immer noch eine gute Gelegenheit, die Verleihung des Großen Stutenkerls heute Morgen miteinander zu feiern.
Ich nehme diese Auszeichnung gerne und dankbar an, weil sie auch meinem politischen Denken entspricht, dass wir ein Land sind, das nicht nur von großer Industrie lebt, sondern mindestens genauso von Mittelstand, Handwerk, von eigentümergeführten Betrieben, von Unternehmen, die etwas unternehmen. Ich habe das schon in unserem kleinen Vorgespräch heute Morgen gesagt: Ich habe nicht mehr ganz häufig die Gelegenheit, selbst zum Bäcker zu fahren – meistens mache ich das mit dem Fahrrad –, aber wenn ich diese Gelegenheit habe, dann habe ich doch jedes Mal im Inneren Respekt vor dem, was Sie in diesen Handwerksbetrieben leisten: morgens in aller Herrgottsfrühe aufzustehen, Brot zu backen, Kuchen zu backen und dann mit Öffnung schon um sieben oder noch früher mit frischen Backwaren, frischem Brot bereitzustehen, um die Bevölkerung mit diesem Grundlebensmittel zu versorgen.
Ich will die Gelegenheit nutzen, um vor allen Dingen Ihnen, die Sie hier mit weißer Jacke sitzen, einmal ganz herzlich für die Arbeit zu danken, die Sie für uns alle in unserem Lande leisten. Das ist ein Stück deutsche Kultur, die Sie verkörpern. Herzlichen Dank dafür.
Auch wenn wir schon den 16. Januar haben, so will ich es nicht versäumen, Ihnen allen einen guten Verlauf des Jahres 2026 zu wünschen. Es ist ein Jahr, das jedenfalls für mich – ich vermute, für viele von Ihnen auch – gefühlt wenige Stunden nach dem Jahreswechsel wieder mit den Ereignissen begonnen hat, die wir auf der Welt sehen, die uns beschäftigen, die uns auch beschweren, aber mit denen wir umgehen müssen, die wir lösen müssen und die wir auch lösen können. So gehe ich jedenfalls in dieses neue Jahr 2026, in dem sicheren Bewusstsein, dass viele Herausforderungen auf uns warten, aber die meisten Aufgaben, die gelöst werden müssen, auch in unserer Hand liegen. Das betrifft die Alltagsdinge des Lebens, das betrifft die Arbeit in unseren Unternehmen, die wir haben, das betrifft die Herausforderungen, die wir im Arbeitsmarkt haben, die wir in den sozialen Sicherungssystemen haben, aber das betrifft auch die Außen- und Sicherheitspolitik.
Natürlich sind wir mit einer fundamentalen Veränderung der globalen Ordnung konfrontiert, und wir werden wahrscheinlich erst in einigen Jahren in der Rückschau auf diese Jahre 2025 und 2026 wirklich verstehen, was da draußen auf der Welt passiert. Aber vielleicht nehme ich es mal mit den Worten eines großen Schweizer Autors, der einmal gesagt hat: Jede Generation erlebt einen Umbruch.
Wir haben diesen Umbruch in Deutschland – jedenfalls in diesem Teil Deutschlands, in dem wir leben – in den letzten 80 Jahren nicht erlebt. Aber jetzt ist er da. Und damit ist jede Generation wieder betroffen, ebenso diejenigen, die so wie ich, Aki, und viele andere, die hier sitzen, über sechs, sieben, acht Jahrzehnte das Glück gehabt haben, einen solchen Umbruch nicht erleben zu müssen. Aber jetzt ist er da. Wir sind Zeitzeuge dieses tiefen Umbruchs. Aber noch einmal: Wer sagt denn, dass wir das nicht erneut schaffen?
Unsere Eltern haben sich auch nicht beklagt, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Neuaufbau der Bundesrepublik Deutschland standen. Sie haben angepackt. Sie haben die Ärmel hochgekrempelt. Und wo sage ich das? Mitten im Ruhrgebiet.
Wir alle haben doch noch aus den Geschichtsbüchern, aus vielen Bildbänden in Erinnerung, wie es hier aussah, wie dieses Ruhrgebiet aussah: am Boden gelegen und zerstört. Waren sie damals verzweifelt? Haben sie damals resigniert? Haben sie über Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche gesprochen? Oder haben sie die Ärmel hochgekrempelt und angepackt?
Das ist doch die Mentalität, die wir aus Nordrhein-Westfalen, aus dem Ruhrgebiet, aus Westfalen seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten kennen. Übrigens ist auch das etwas, was ich immer wieder sage, auch außerhalb des Landes Nordrhein-Westfalen: Die Geschichte dieser Region, in der wir hier sind, wäre ohne Einwanderung nicht so geschrieben worden, und zwar nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern schon seit über 100 Jahren.
Übrigens wäre auch die Geschichte der Fußballvereine anders geschrieben worden. Der BVB – ich nehme das Wort in den Mund – und auch Schalke 04 wären nicht so gewesen, wenn es nicht die Fußballspieler gegeben hätte, die insbesondere aus Osteuropa gekommen sind.
Also die Quintessenz daraus: Es gibt keinen Grund für Pessimismus. Es gibt Grund für Zuversicht, dass wir es uns zutrauen können, die Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam zu lösen. Und das sind nicht nur die großen Fragen, sondern es sind auch die Fragen des Alltags, mit denen wir uns, mit denen Sie sich beschäftigen.
Vielleicht darf ich auch das abschließend im letzten Teil meiner kurzen Rede sagen: Ich habe etwas zum Handwerk, zum Mittelstand, zu den familiengeführten Unternehmen gesagt. Wir müssen die Rahmenbedingungen für diese Unternehmen deutlich verbessern. Wir müssen das Arbeitszeitgesetz anpacken. Wir müssen Ihnen die Möglichkeit geben, auch in den familiengeführten Betrieben sonntags zu arbeiten und zu backen. Ich kann nicht nachvollziehen, warum man in jedem Discounter, an jeder Autobahnraststätte und in jedem Flughafen 24 Stunden am Tag Backwaren kaufen kann, die aufgebacken werden, aber diejenigen, die es noch im Original machen, auf drei oder vier Stunden am Wochenende beschränkt sind. Sie wissen, mit sich selbst verantwortungsvoll umzugehen. Sie wissen, mit Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verantwortungsvoll umzugehen.
Wir sind im Übrigen mittlerweile ein Arbeitnehmermarkt geworden. Es fehlen uns diese Fachkräfte. Und wenn Sie denen nicht gute Arbeitsbedingungen anbieten, dann werden Sie sie nicht gewinnen. Warum sollen wir das alles gesetzlich regeln? Das können Sie in Ihren Betrieben viel besser. So gehe ich wirklich mit einiger Zuversicht in dieses Jahr.
Ich will allerdings zwei Hinweise an meinen Laudator geben. Das eine ist: Ich muss mit Empörung zurückweisen, dass es in meiner Partei finstere Mächte gibt. So etwas gibt es in der CDU Deutschlands nicht.
Das Zweite ist: Ja, die Zeit ist schnelllebiger geworden. Wie schnelllebiger sie geworden ist, das sehe ich an der Vorbereitung einer Regierungskonsultation, die wir am Freitag dieser Woche in Rom haben werden. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mir den Ablaufplan für die erste Reise des Bundeskanzlers Konrad Adenauer im Juni 1951 nach Rom gegeben. Er ist sieben Tage in Rom geblieben. Zweimal fing das Frühstück erst um 14.30 Uhr an. Das eine Mal waren „Kött“ und Zylinder vorgeschrieben. Die Reise endete mit zwei freien Tagen zur Disposition des Herrn Bundeskanzlers. Meine Damen und Herren, ja, die Zeit heute ist eine andere. Ich werde am Freitag nur einen Tag in Rom sein.
Aber auch dies will ich abschließend sagen: Mein Engagement innerhalb der Europäischen Union und auch außerhalb der Europäischen Union bedient nicht meinen unbedingten Willen, noch andere Teile der Welt kennenzulernen; die meisten kenne ich schließlich. Es dient einzig und allein dem Zweck, dafür zu sorgen, dass wir hier, in der Mitte Europas, auf einem friedvollen Kontinent das Privileg haben, weiter in Frieden, in Freiheit und in Wohlstand zu leben, und zwar nicht nur die letzten acht Jahrzehnte, sondern auch die nächsten.
Das geht für ein Land wie die Bundesrepublik Deutschland nicht, wenn wir nur alleine meinen, es bewältigen zu können. Das geht nach allen Erfahrungen, die wir seit den 1950er-Jahren in Deutschland gemacht haben – und es sind diese Erfahrungen bis zum heutigen Tag –, nur in enger Abstimmung mit unseren europäischen Partnern und Freunden. Das möchte ich auch Sie bitten zu tun. Denn ich weiß um vielfältige Partnerschaften, Verbindungen, auch aus dem Handwerk heraus, in andere Länder, in europäische Partnerstädte und Kooperationen. Es ist notwendiger denn je, dass wir Deutsche zeigen, dass wir nicht nur für uns selbst arbeiten, sondern dass wir auch für uns selbst arbeiten, indem wir für andere mitdenken und indem wir diese Europäische Union stärken und sie in einer Welt, die sich so fundamental verändert, so stabil halten, dass auf Dauer Friede, Freiheit, Wohlstand, soziale Sicherheit auch auf unserem Kontinent möglich sind. Das treibt mich an.
Wir werden in zehn Jahren in der Rückschau auf diese 20er-Jahre nicht danach beurteilt, ob die Haltelinie in der Rentenversicherung bis zum Jahr 2031 oder bis zum Jahr 2032 gehalten hat. Wir werden danach beurteilt, ob wir die Voraussetzungen dafür geschaffen haben, in einem Land des Friedens, der Freiheit, der Offenheit, der Liberalität, der Meinungsfreiheit und nicht zuletzt in einem Land des Wohlstandes und des sozialen Friedens zu leben. Dafür zu arbeiten, dafür sich anzustrengen, dafür zu kämpfen, das sollten Sie bitte nicht allein uns, der Politik, überlassen. Das erfordert eine Gesellschaft, die bereit ist, sich für diese Werte einzusetzen. Ich weiß mich hier in einem Haus, das diesem Gedanken folgt, auch aus den geschichtlichen, historischen Bezügen heraus. Aber, meine Damen und Herren, das ist eine Aufgabe von jedem und von allen an jedem Tag, auch mit Ihren Belegschaften, auch mit Ihren Freunden, mit Ihren Familien. Für Pessimismus haben wir keine Zeit mehr. Wir müssen jetzt mit Zuversicht den Weg nach vorne gehen. Sie tun das. Wir tun das. Lassen Sie uns das gemeinsam tun.
Herzlichen Dank.