Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Verabschiedung des Präsidenten von acatech ‑ Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e. V.,
Herrn Prof. Henning Kagermann am 8. Mai 2018 in Berlin

Im Wortlaut Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Verabschiedung des Präsidenten von acatech ‑ Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e. V.,
Herrn Prof. Henning Kagermann am 8. Mai 2018 in Berlin

Dienstag, 8. Mai 2018 in Berlin

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Köhler,
sehr geehrter Herr Prof. Spath,
sehr geehrter Herr Leukert,
liebe Frau Kollegin Karliczek,
liebe Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Bundestags,
sehr geehrte Damen und Herren
und vor allem natürlich Sie, lieber Herr Prof. Kagermann,

ich bin sehr gern hierhergekommen, nicht wissend, dass noch solch ein origineller musikalischer Beitrag erfolgt. Was will man da eigentlich noch reden, wenn man schon einen so schönen musikalischen Beitrag gehört hat? Aber ich bin gern hergekommen, um danke zu sagen.

Mit der acatech haben wir seit 2008 eine nationale Akademie von internationalem Rang. Ich weiß noch, wie Herr Milberg zu mir kam und sagte: Wir brauchen so etwas. Dann haben wir ewig diskutiert, wie wir eine nationale Akademie hinbekommen – was später auch stattfand. Aber dass es die acatech schon vorher gab, hat ein bisschen dabei geholfen, die Leopoldina auf dem grundlagenwissenschaftlichen Gebiet als nationale Akademie zu krönen. Insofern war die acatech nicht nur international, sondern auch national ein Vorreiter. Bei aller Liebe zum Föderalismus kann man nationale Bündelungen vielleicht doch ab und an ganz gut brauchen.

Nun haben Sie, Herr Prof. Kagermann, fast neun Jahre als Ko-Präsident die Akademie geleitet. Sie haben sich als Stimme und als Förderer der Technikwissenschaften so etabliert, dass Ihre Meinung gar nicht mehr wegzudenken ist. Deshalb hat die Verabschiedung auch etwas Seltsames an sich. Aber Satzungen haben ja auch ihr Gutes. Ich mache mir auch keine Sorgen, dass Ihnen nicht irgendetwas einfällt, was Sie sonst noch tun können.

Wenn man es sich überlegt, dann stellt man fest, dass neun Jahre bei der heutigen Innovationsdynamik eine ewige Zeitspanne sind. Vor neun Jahren hatten nur etwa sechs Millionen Deutsche ein Smartphone. Heute sind es 60 Millionen. Jeder Dritte in Deutschland kann sich inzwischen ein Leben ohne soziale Netzwerke gar nicht mehr vorstellen. In den letzten neun Jahren hat sich zum Beispiel der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch mehr als verdoppelt. Wir gehen jetzt auf 40 Prozent zu.

Das zeigt, dass wir in unserem Land, um vorn mit dabei zu sein, eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft brauchen, um die Potentiale Deutschlands als Forschungs- und Hightech-Standort bestmöglich zu nutzen. Wir brauchen die Expertise beider Seiten. Deshalb möchte ich auch das Thema Elektromobilität erwähnen, das Sie, Herr Prof. Kagermann, immer wieder koordinierend vorangebracht haben. Die Elektromobilitätsplattform ist vielleicht noch nicht ausreichend gewürdigt worden, weil mancher fragt: Wo bleibt die eine Million Elektrofahrzeuge? Aber die, die mit der Art und Weise der Wirkung exponentieller Verläufe vertraut sind, wissen, dass sich so etwas von einer Anfangsphase sehr schnell in eine dynamische entwickeln kann. Insofern sind wir, denke ich, auf einem guten Pfad.

Wir haben erlebt, wie verschiedene Bereiche zusammenkommen mussten. Wir hatten nach der großen Tradition der Elektrochemie die elektrochemischen Lehrstühle deutschlandweit doch weitgehend eliminiert. Das wurde wieder umgekehrt. Wir wissen heute um die große infrastrukturelle Herausforderung, auch was das Zusammenbringen von technischem Know-how für die Elektromobilität und Ladeinfrastruktur anbelangt. Darüber habe ich gerade auch heute mit einem der Automobilbauer intensiv gesprochen.

Ich freue mich, Herr Kagermann, dass Sie gesagt haben: Wir brauchen eine Batteriezellenproduktion in Europa. Selten habe ich ein Beispiel dafür erlebt, dass man der Wirtschaft das, von dem man glaubt, dass sie es braucht, sozusagen so sehr nahebringen muss. Ich entdecke jetzt ein gewisses Umdenken bei den Automobilherstellern. Denn wenn man sich überlegt, dass eines Tages 40 bis 50 Prozent der Wertschöpfung eines Elektromobils in Form der Batterie erfolgen wird und dann noch 20 Prozent bis 30 Prozent durch digitale Komponenten und dass das eine vielleicht aus Asien und das andere aus Amerika kommt, dann sieht man, dass für die deutsche Wertschöpfung nicht mehr viel übrigbleibt. Vielleicht schaffen wir es jetzt, im Rahmen der strategischen Initiativen mit den europäischen Automobilbauern, die wir in Europa haben können, doch etwas hinzubekommen. Ich werde mich sehr dafür einsetzen. Aber ganz ohne mitarbeitende Wirtschaft geht es natürlich nicht. Es reicht nicht, wenn die Politik jeden Tag sagt: Ihr braucht aber Batteriezellen, glaubt’s mir nur.

Die Nationale Plattform Elektromobilität lag bei Prof. Kagermann in besten Händen. Wir werden sie jetzt in eine umfassende Mobilitätsplattform fortentwickeln. Es ist sehr gut, dass Sie auch im Ethikrat mitgearbeitet haben, der sehr schnell zu konsistenten Ergebnissen gekommen ist, die wir jetzt nur noch umsetzen müssen, um dann Anweisungen für die Programmierung der Algorithmen zu geben. Das wird noch ein hartes Stück Arbeit.

Das Schlagwort „Industrie 4.0“ ist wesentlich auch durch Sie entstanden. Es ist inzwischen in der Tat ein Wort, das, wie mir Herr Prof. Spath gerade zuflüsterte, selbst in China am Ende mit „ie“ geschrieben wird. Man weiß also um die deutsche Herkunft. Hoffentlich wird das beim Patentschutz und beim geistigen Eigentum genauso beachtet.

Wir brauchen im Bereich Innovation und Technik neben den technischen Entwicklungen natürlich auch immer die Akzeptanz. Bundespräsident Roman Herzog, einst auch Senatsvorsitzender der Akademie, hat einmal zu bedenken gegeben: „Innovationsfähigkeit fängt im Kopf an, bei unserer Einstellung zu neuen Techniken, zu neuen Arbeits- und Ausbildungsformen, bei unserer Haltung zur Veränderung schlechthin.“ Er zog dann das Resümee: „Die Fähigkeit zur Innovation entscheidet über unser Schicksal.“

acatech hat – unter Ihrer Ko-Präsidentschaft auch ganz besonders – immer wieder diese Frage des Schicksals in die Hände genommen, hat für Veränderung geworben, hat über technologische und wissenschaftliche Entwicklungen informiert und auch immer wieder Empfehlungen erarbeitet. Das war das Schöne, dass aus der Mixtur Ihrer universitären Karriere plus der Tätigkeit in der Wirtschaft herauskam: Nichts verlor sich im Nirwana, sondern alles, das Sie anpackten, endete in bestimmten Schlussfolgerungen und Aufgaben.

Deshalb war es eine unglaublich spannende Zeit. Und ich würde mich freuen, wenn wir die noch einmal verlängern könnten. Wir bei der Bundesregierung haben nämlich keine Satzung mit begrenzten Amtszeiten, wenn es darum geht, im Innovationsdialog mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Es ist ja gar nicht so einfach, dass Politiker, zu denen abends eine Gruppe von 20 oder 25 Leuten kommt, leicht erschöpft und ermattet vom täglichen Tun und immer noch auf das Handy schauend sich dann noch über neue technische Entwicklungen belehren und informieren lassen wollen. Herr Prof. Kagermann hat aber immer durch perfekte Vorbereitung überzeugt. Ich möchte auch dem Team, das dahinter steht, und allen, die mitgemacht haben, ein herzliches Dankeschön sagen. Er hatte immer gut präparierte Materialien, die auch lesbar waren, und konnte die Inhalte in kürzester Zeit zusammenfassen. Dass ich von Sprunginnovationen gehört habe, kommt von dieser Form der Beschäftigung. Tiefere Einsichten in Biotechnologien und in Fragen der Mensch-Maschine-Interaktion – das alles ist diesem Innovationsdialog zu verdanken. Ich glaube, wir sollten ihn wirklich fortsetzen. Denn wir haben Fortschritt ja nicht gepachtet.

Wir erleben im Augenblick am Beispiel der Künstlichen Intelligenz, wie sehr man nach einer Situation, in der man in der vorderen Gruppe dabei war, plötzlich auch Rückstände aufholen muss, wenn es in die Breite der Implementierung geht. Da es bei der Künstlichen Intelligenz so ist, dass man sie nur richtig gut entwickeln kann, wenn man ein positives Grundverhältnis zu großen Datenmengen hat, tun wir Deutschen uns ein wenig schwer, hier sozusagen die Fütterung mit Substanz richtig vorzunehmen. Mir hat neulich einmal jemand gesagt: „Künstliche Intelligenz ohne Daten zu entwickeln, ist wie Kühe ohne Futter zu züchten.“ Insofern ist das also eine Aufgabe, bei der wir unser Verhältnis zu Daten noch gesellschaftlich fortentwickeln müssen. Wir wollen die Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Anja Karliczek setzt sich als neue Forschungsministerin für eine steuerliche Forschungsförderung und vor allem für den Aufwuchs der Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ein, die zu einem Drittel von der staatlichen Seite und zu zwei Dritteln seitens der Wirtschaft vorgenommen werden. Damit komme ich auch wieder zum schon erwähnten Bereich der Automobilindustrie, da sie einer der forschungsintensivsten Bereiche ist. Wenn alles, was da zu erforschen ist, außerhalb von Deutschland stattfinden würde, dann würden wir es selbst bei allen staatlichen Maßnahmen sehr schwer haben, den Anteil von 3,5 Prozent wirklich zu erreichen.

Meine Damen und Herren, wir sind heute zusammengekommen, weil sich Herr Prof. Kagermann von einem Lebensabschnitt verabschiedet. Er hat als Wanderer zwischen verschiedenen Welten immer wieder Experten und Interessenten zusammengeführt. Dafür auch von meiner Seite einen ganz herzlichen Dank. Als Sie 2009 bei Ihrem Abschied von SAP einmal auf das Thema Wehmut angesprochen wurden, gaben Sie zu verstehen: „Wehmut entsteht unter zwei Voraussetzungen“ – so präzise muss man das erst einmal definieren können –: „Entweder du glaubst, du hättest etwas verpasst und müsstest das jetzt nachholen. Oder du glaubst, das Leben kann dir nichts mehr geben. Beides trifft bei mir nicht zu.“ Ich vermute, es geht Ihnen heute ähnlich wie beim Abschied von SAP. Und deshalb werden wir Sie in Anspruch nehmen, wann immer es möglich ist, wann immer Sie einen Ratschlag haben und eben auch, wenn Sie mitmachen, im neuen Innovationsdialog in dieser Legislaturperiode.

Da der Weg der Innovation ja keine Sackgasse ist, geht die Reise weiter. Ich freue mich, dass wir Karl-Heinz Streibich als neuen acatech-Präsidenten begrüßen dürfen. Dass es an Themen und Herausforderungen nicht mangelt, ist ihm aus seiner bisherigen Tätigkeit schon bekannt. Deshalb auf gute Zusammenarbeit auch in der Funktion als Präsident. Und nochmals herzlichen Dank, Herr Kagermann.

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