Rede von Bundeskanzler Scholz zur Jahrestagung des Markenverbandes am 13. September 2023 in Berlin

  • Bundeskanzler⏐ Startseite 
  • Olaf Scholz

  • Aktuelles

  • Kanzleramt

  • Mediathek 

  • Service

Sehr geehrter Herr Kallerhoff,
sehr geehrter Herr Falke,
liebe Mitglieder und Gäste des Markenverbandes,

„Dafür stehe ich mit meinem Namen“, so lautete über Jahre hinweg ein berühmter Werbeslogan. Ihr Verband, der Markenverband, steht mit seinem Namen seit 120 Jahren für fairen und freien Wettbewerb, für Qualität und für Verlässlichkeit. Darauf vertrauen die Verbraucherinnen und Verbraucher, wenn sie ein Markenprodukt kaufen. Dieses Vertrauen ist hart erarbeitet. Dafür investieren Sie Zeit und Geld in Produkte, die oft auch weit über unsere Grenzen hinaus bekannt sind. Ich kann Ihnen gern berichten, dass mich, wenn ich als deutscher Bundeskanzler unterwegs bin, Vertreter vieler Länder darauf ansprechen und am liebsten deutsche Produkte kaufen würden, weil sie sich darunter etwas Qualitätsvolles vorstellen können. Wenn wir Marken schützen, dann schützen wir dieses Vertrauen. Darum sind Marken wichtig, und darum ist natürlich auch der Markenschutz wichtig. Deshalb bekenne ich mich ganz ausdrücklich zu einem starken Markenschutz in Deutschland und auch in der Europäischen Union. Markenschutz gehört zur sozialen Marktwirtschaft ebenso wie fairer und freier Wettbewerb.

Ich stimme Ihnen völlig zu, sehr geehrter Herr Kallerhoff: Den fairen Wettbewerb freier Unternehmen müssen wir stärken. Schließlich ist Wettbewerb die beste Garantie für gute Qualität und möglichst günstige Preise. Deshalb brauchen wir dort, wo dieser faire Wettbewerb fehlt, ein funktionierendes Wettbewerbsrecht und auch eine Behörde, die dieses Recht durchsetzen kann. Darüber sind sich in Deutschland seit Ludwig Erhards Zeiten alle einig.

Mit der 11. Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen hat die Bundesregierung daher in diesem Sommer das Bundeskartellamt gestärkt und ihm zusätzliche Instrumente an die Hand gegeben. Wenn das Kartellamt künftig feststellt, dass der Wettbewerb gestört ist, weil etwa immer weniger Anbieter auf einem Markt sind, dann kann es eingreifen. Es kann Konzentrationstendenzen stoppen oder den Zugang zu diesem Markt erleichtern. Wenn im Herbst auch noch der Bundesrat dem Gesetz zustimmt, dann ist das Bundeskartellamt besser denn je aufgestellt, um fairen Wettbewerb zwischen all Ihren unterschiedlichen Marken und natürlich auch insgesamt auf den Märkten, was ja Ihr Petitum war, sicherzustellen.

Sie verstehen bestimmt, dass ich hier jetzt nicht einzelne Marke herausgreife. Dafür sind einfach zu viele hier anwesend. Ich möchte stattdessen über eine Marke sprechen, die Sie alle miteinander verbindet, Sie alle hier im Raum, meine Damen und Herren, und natürlich auch uns als Bundesregierung und alle in Deutschland. Das ist die Marke Deutschland. Denn sie spielt für die wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten, für den ökonomischen Erfolg Ihrer Unternehmen und von uns allen eine ganz zentrale Rolle. Ich habe es eben schon gesagt: In vielen Ländern hilft uns der gute Ruf.

Als jemand, der eine Anwaltskanzlei gegründet und ganz erfolgreich betrieben hat, kann ich Ihnen sagen: Selbst dann, wenn man nicht werben darf, gibt es so etwas wie eine Marke. Jeden Tag kommen Kunden zu einem, von denen man gar nicht wusste, warum. Aber irgendwer muss etwas weitererzählt haben. Deshalb gehört zur Markenpflege natürlich nicht nur die teuer gekaufte Public Relations und die ganze Werbung, sondern es gehört auch dazu, dass man etwas anbietet, was wirklich Qualität hat.

Das gilt natürlich auch für unser eigenes Land. Es ist mein Ziel als Bundeskanzler dieses Landes, dass wir unseren Wirtschaftsstandort stärken und uns auf die Zukunft vorbereiten, die vor uns liegt.

Deshalb an dieser Stelle auch ein paar Worte zur aktuellen Lage: Wir sind eine Exportnation. Immer wieder, fast rituell, können wir feststellen, dass in dem Augenblick, in dem das passiert, was Exportnationen immer einmal wieder passiert, dass nämlich die Weltwirtschaft schwächelt und wir es auch merken, alle anfangen, das infrage zu stellen. Das ist aber nicht richtig. Denn die Flautephasen sind diejenigen dazwischen, und die eigentlichen sind die, um die es uns geht. Ich jedenfalls finde es völlig überzeugend, dass wir so viele Unternehmen in Deutschland haben, auch kleine und mittelständische, die den Weltmarkt in Betracht ziehen, wenn sie um ihre Marke und um ihre Produkte kämpfen. Wir sollten unseren Charakter als Exportnation nicht infrage stellen. Das ist ein Erfolgsmodell für unser Land.

Natürlich sind wir auch herausgefordert, weil die Energiepreise jetzt in die Höhe gegangen sind, übrigens aus Gründen, die man ziemlich einfach verstehen kann. Russland hat zum Beispiel etwa 180 Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa geliefert, eine ziemliche Menge. Davon sind noch gerade einmal 40 verblieben. Nur in Südosteuropa kommen sie noch an, und ein paar Sachen über Flüssiggas an einigen Häfen. Aber wenn die Lieferung von Gas, die über Jahrzehnte so organisiert war, für uns plötzlich weitgehend, zu 50 Prozent, wegfällt, übrigens durch Entscheidungen der russischen Regierung, dann ist das eine große Herausforderung. Denn wenn wir es gut machen, dann kaufen wir uns das Gas woanders. Aber die Märkte sind gerade nicht jahrelang darauf vorbereitet, dass nun plötzlich eine Gasnachfrage aus Europa in Höhe von 140 Milliarden Kubikmetern dazukommt. Das haben wir in den plötzlichen Preissteigerungen gemerkt. Was haben wir getan, um damit umzugehen? ‑ Wir haben erst einmal subventioniert. Wir haben uns das Recht gegeben, mit zusätzlichen Staatsschulden in Höhe von 200 Milliarden Euro durch eine solche Situation zu kommen. Es ist besser gelaufen. So, wie es aussieht, haben wir so viel nicht gebraucht. Aber das war unsere eine Reaktion.

Die andere aber, die mindestens ebenso wichtig ist, ist, dass wir uns dafür entschieden haben, zu sagen: Wir sorgen dafür, dass wir auf gute Weise und möglichst preiswert von woanders unsere Energielieferungen – dabei geht es aktuell um die fossilen – hereinbekommen können. Wir haben in kürzester Zeit an den norddeutschen Küsten Flüssiggasterminals errichtet. Wir sind dabei, sie weiter auszubauen und weitere zu errichten. Wir bekommen mehr Gas aus Norwegen und über die westeuropäischen Häfen. Es ist eingetreten, was niemand diesem Land im vergangenen Herbst zugetraut hat, nämlich, dass wir keinen kalten Winter in den Wohnungen und in den Fabriken hatten und dass wir es geschafft haben, die Energieversorgung dieses Landes sicherzustellen. Auch das hat unseren guten Ruf in der Welt wiederhergestellt.

Meine Damen und Herren, in den letzten Jahren haben wir von niedrigen Zinsen sehr profitiert. Viele, wahrscheinlich auch viele hier, haben schon Reden gehalten und bemerkt: So geht es nicht weiter, dass man, wen man sein Geld irgendwo auf die Bank bringt, in Wahrheit noch etwas dazugeben muss. Das ist ja die Situation, die wir zuletzt gespürt haben. Aber wenn sich dann plötzlich etwas ändert, die Europäische Zentralbank das tut, was sie als stabilitätsverpflichtete Zentralbank tun muss, und die Zinsen wieder auf ein historisch niedriges Niveau steigen, dann führt das natürlich zu Anpassungskrisen, weil sich überall alle auf die Situation mit ganz geringen Zinsen eingestellt hatten. Dabei sind wir jetzt eigentlich nur wieder auf dem niedrigen Niveau vieler Jahrzehnte davor. Weil der Wohnungsbau eine Rolle spielt, nur einmal dieser kleine Hinweis: Als wir schon einmal 700 000 Wohnungen in einem Jahr gebaut haben, in Westdeutschland, 1972, lagen die Zinsen bei neuneinhalb Prozent!

Man muss also schon wissen, woran die Dinge liegen, die man zu bewältigen hat. In diesem Fall sage ich: Das ist etwas, was eigentlich ein Stück Normalisierung darstellt. Schade, dass es so plötzlich gekommen ist und kommen musste. Natürlich ist es ein Anpassungsprozess, mit dem wir jetzt zu kämpfen haben. Aber dass es unsere Zukunftsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit infrage stellen würde, wenn die Zinsen nicht null, sondern vier Prozent betragen, das kann niemand wirklich ernsthaft behaupten.

Aus meiner Sicht bedeutet das aber, dass wir jetzt mit dieser Aufgabe umgehen müssen und, was zum Beispiel den hier nicht ganz so relevanten Wohnungsbau betrifft, dafür sorgen müssen, dass er vorankommt und Wohnungen plant, die sich die meisten Bürgerinnen und Bürger leisten können.

Natürlich gibt es auch noch Versäumnisse, die hausgemacht sind. Sie haben vielleicht etwas mit dem Deutschlandtempo zu tun, über das ich eben geredet habe, als wir in kürzester Zeit Flüssiggasterminals an den norddeutschen Küsten errichtet haben. Wir müssen schneller werden. Wir brauchen mehr Tempo. Wir können uns nicht in die Situation ergeben, dass es nun eben über Jahrzehnte immer weiter so gekommen ist, dass lauter Vorschriften jedes Handeln einschränken und beschränken und dass es vor allem sehr, sehr lange dauert.

Als diejenigen, die in den Gemeinden, in den Landkreisen, in den Ländern und im Bund Verantwortung haben, müssen wir uns auch einmal fragen, ob diese in den letzten 30, 40, 50 Jahren allmählich gebauten Regeln überhaupt noch administrierbar sind. Was macht eigentlich solch ein armer Mitarbeiter in einem Landratsamt, wenn er eine Genehmigung für irgendeine neue Anlage erteilen soll, die noch nie erteilt wurde? Fünf Jahre lang Gutachten bestellen und gucken? Einfach unterschreiben? Es ist ja die Frage, was die Regeln sind, die wir haben wollen.

Deshalb, finde ich, brauchen wir jetzt eine große, große Anstrengung, in der wir alles dafür tun, dass Entscheidungen schnell und zügig getroffen werden können, weil das die Grundlage dafür ist, dass man sie überhaupt in Angriff nimmt und dass man darauf setzen kann, dass sie schnell und zügig umgesetzt werden. Das ist es, was wir als Deutschlandpakt jetzt in unserem Land brauchen.

Tempo, das ist also die große Frage, um die es geht. Wir sollten sie auch nicht verwirrt diskutieren, indem man alles Mögliche noch mit hineinpackt, was man schon immer mal sagen wollte – das ist ja beliebt. Sondern es geht wirklich darum: Muss es sechs Jahre dauern, bis eine Windkraftanlage genehmigt ist, oder geht es in sechs Monaten? Viele von Ihnen werden Solaranlagen auf Ihre Fabrikhallen gepackt haben. Aber viele von Ihnen würden mir, wenn wir ein Zweiergespräch hätten, berichten: Anschluss der Anlage: ein Dreivierteljahr! Weil es die Netzbetreiber nicht schaffen; weil die Regeln nicht da sind; weil irgendein Gutachter sagen muss: Alles fein gemacht. Ich glaube, das sind all die Dinge, die wir ändern müssen. Wenn wir das hinbekommen, dann wird das, glaube ich, eine eigene Dynamik für unsere Volkswirtschaft entfalten. Ich jedenfalls will alles dafür tun, dass das nicht mehr immer nur beredet, sondern auch tatsächlich gemacht wird.

Weil es eine Rolle für das spielt, was Sie sich trauen, will ich auch etwas über Energiepreise in unserem Land sagen und sagen, worauf Sie setzen können. Wir sind in einer großen Umbruchsphase. Wir haben unsere Energieversorgung jahrzehntelang im Wesentlichen auf Kohle und Gas und ein bisschen auf Atomkraft gebaut. Das hat funktioniert und ist der Weg, den wir eingeschlagen haben. Noch viel mehr haben ganz viele Unternehmen Produktionsprozesse, die technisch auf dem beruhen, was seit 200 Jahren mit der Industrialisierung verbunden ist, nämlich der Nutzung fossiler Ressourcen, sodass es weit über das hinaus, was wir an Energie für die Stromproduktion verbrauchen, noch viele Bereiche gibt, die solche fossilen Ressourcen einsetzen. Wenn wir jetzt wissen, dass das nicht mehr lange so weitergehen wird, weil wir uns weltweit verabredet haben, um die Mitte dieses Jahrhunderts CO2-neutral zu wirtschaften – Deutschland will das 2045 erreichen. Dann ist das zuallererst eine Frage, bei der ganz viele unsicher sind, bei der sich alle fragen, ob das überhaupt funktionieren kann und wie das gehen soll, wenn man als Unternehmer, als Unternehmerin dann selbst eine Entscheidung trifft, ob man darauf setzen kann, dass das, was man dabei voraussetzt, existiert und existieren wird. Das sind zentrale Fragen. Darum ist es mir wichtig, auch diese Gelegenheit beim Markenverband, bei dem es um die Wirtschaft geht, zu nutzen, um Sie dazu zu ermuntern, darauf zu setzen, dass wir das hinbekommen werden.

Ich kann Ihnen das gerade im Bereich der Energieversorgung sagen, die für Sie ja wichtig wird. Denn tatsächlich ist CO2-Neutralität in vielen Fällen Elektrifizierung von Prozessen, die bisher anders gewesen sind. Wenn wir über CO2-neutralen Stahl diskutieren, dann geht es um Direktreduktionsanlagen, für die jetzt statt Kohle Strom eingesetzt wird und Gas oder Wasserstoff. Wenn wir das Gleiche in der Chemie diskutieren, dann geht es um Unmengen mehr Strom als vorher statt dem, was wir bisher mit fossilen Ressourcen zu machen versucht haben. Wenn wir über Prozesse in vielen anderen der Grundstoffindustrien diskutieren, dann ist es immer wieder die gleiche Frage. Ob es elektrische Automobile, Trucks, Wärmepumpen und was auch immer sind, es geht um Strom.

Darum haben wir ein paar Weichen gestellt.

Die erste ist, die Wahrheit zu sagen, dass wir nämlich in kurzer Zeit viel mehr Strom brauchen als heute. Jahrelang ist behauptet worden, es gehe nur um den Umbau der bestehenden Produktionsmengen durch andere Produktionsweisen, aber es könne bei der Menge bleiben, die wir haben. Wegen dessen, was ich eben gesagt habe, ist das aber nicht wahr. Wir müssen also wahrscheinlich schon am Ende dieses Jahrzehnts etwa 800 Terawattstunden Strom in Deutschland produzieren. Heute sind es 650. Wir werden in den 30er-Jahren 1000 Terawattstunden brauchen. Darum ist Tempo auch hierbei ganz zentral. Es hängt alles miteinander zusammen. Wir haben also diese Wahrheit gesagt.

Die zweite ist: Wir haben alle Gesetze durchforstet und im vergangenen und in diesem Jahr schon viele Gesetzesänderungen gemacht, deren einziges Ziel es ist, den Ausbau der Erzeugungskapazität für erneuerbaren Strom und der Stromleitungen, die man dafür in Deutschland braucht, voranzutreiben. Die ersten Ergebnisse sehen wir. Ich habe alle aufgefordert, sich zu erschrecken, und gesagt: Wir brauchen um die fünf Windkraftanlagen an Land pro Tag, damit das hinhaut mit 80 Prozent Strom aus Erneuerbaren, mehr als heute im Jahr 2030. Wir haben im Monat Juni die Zahl der Genehmigungen gehabt, die man braucht, damit das mit dem Bau hinhauen kann. Wenn wir das Tempo halten, dann klappt es also. Das Gleiche gilt für die Solaranlagen: 30 Fußballfelder pro Tag. Auch das haben wir schon erreicht. Wir schauen immer, ob es noch mehr sein muss und ob wir das Tempo beschleunigen müssen.

Wir haben auch viele Gesetze gemacht, damit die Stromleitungen, verdammt noch einmal, endlich fertig werden. Es kann doch nicht sein, dass wir eine so existenzielle Entscheidung treffen, immer überparteilich: Rot-Grün, Schwarz-Gelb, Schwarz-Rot, aus der Atomenergie und der Kohleverstromung auszusteigen und dass wir das Tempo bei dem, was wir dann anstelle dessen brauchen, niemals aufgenommen haben. Das ist doch die Realität. Das muss jetzt anders werden. Dass wir einen Streit darüber hatten, ob Stromleitungen doch lieber unter der Erde verlegt werden sollen, und dass das dazu geführt hat, dass wir viele Jahre später fertig werden, ist doch Wahnsinn, wenn man weiß, dass diese Stromleitungen genau dahin führen, wo es jetzt gebraucht wird. Jetzt beschweren sich die örtlichen Verantwortlichen, die aber selber dafür mitgekämpft haben, dass es lange dauert. Das kann man nicht mehr so weitermachen!

Deshalb sage ich Ihnen: Wir werden es hinbekommen. Wir monitoren die Situation. Wir schauen uns das rückwärts an: Was brauchen wir 2030? Werden wir das alles gebaut bekommen? Was müssen wir ändern, damit das funktioniert?

Warum erzähle ich solche Details? Ich erzähle sie, um Sie dazu zu ermuntern, darauf zu setzen, dass es klappt, und Ihre Investitionsentscheidungen gewissermaßen spekulativ darauf zu setzen, dass der Staat einmal funktioniert. Das ist jedenfalls das, was wir vorhaben.

Nur weil ich schon dabei bin, will ich auch das gern noch sagen: Wir werden das übrigens auch für die andere Frage hinbekommen, die wir brauchen. Das ist das Wasserstoffnetz und die Wasserstoffproduktion. Denn wenn wir Wasserstoff statt Gas, Kohle und Öl einsetzen wollen, dann müssen wir ihn in rauer Menge haben. Einen Teil werden wir hierzulande herstellen können, und einen Teil werden wir wie auch heute alle solche Sachen importieren. Aber wir werden noch in diesem Jahr, spätestens Anfang nächsten Jahres die Entscheidung treffen, dass wir eine Wasserstoffleitungsinfrastruktur bauen. Das ist wahrscheinlich eine Investition in Höhe von über 20 Milliarden Euro, die privatwirtschaftlich jetzt begonnen wird und sich in 30 Jahren zurückverdient. Aber das muss man miteinander zustande bekommen. Wir bereiten die Voraussetzungen dafür vor, dass das geht, damit Sie, wenn Sie Ihre Technik, mit der Sie Ihre tolle Marke herstellen, so organisieren, dass sie darauf ausgerichtet ist, dann auch alles als Angebot haben werden. Für mich sind das wichtige Dinge, die wir für die Zukunft brauchen, und wir wollen auch gern weiter daran arbeiten, dass das passiert.

Insofern sind der Deutschlandpakt und die damit verbundenen Beschleunigungen für uns eine große Herausforderung. Wir werden das Stück für Stück machen, viele Dinge. Ich freue mich über jeden, der noch einen ganz konkreten praktischen Vorschlag in dieser Frage hat. Vielleicht noch der Satz: praktische, konkrete Vorschläge. Auch Sie in Ihrem neuen Amt ermuntere ich dazu. Wir erhalten jeden Tat Vorschläge von Verbänden, in denen steht: Alles muss besser werden! Dazu kann ich nur sagen: Einverstanden! Wir hätten es gern mehr im Detail. Das andere wollen wir auch. Das ist also, glaube ich, eine gute Sache. Aber es gibt viel, was wir voranbringen können.

Ich will nicht alles ansprechen, was wir uns vorgenommen haben. Aber weil wir über die Marke Deutschland und über die Frage, wie sie stehen kann, reden: Natürlich wissen wir, dass man, wenn man in einer Phase ist, in der das Wachstum gerade schwächelt – wir können hoffen, dass es nächstes Jahr besser wird – trotzdem Anregungen dafür geben muss, dass alle jetzt investieren. Sie als Markenvertreter wissen, was passiert, wenn alle abwarten. Sie haben ein super Produkt, und Ihre Kunden sagen: In zwei Jahren ist es auch noch super; also warte ich mal zwei Jahre. Wenn eine ganze Volkswirtschaft aus lauter Entscheidungsträgern in Unternehmen oder privaten Bürgerinnen und Bürger besteht, die sagen: „Na, schwierige Zeit! Warten wir mal ab!“, dann kommen wir wirklich in ökonomischen Trouble.

Übrigens kommen wir auch dann in ökonomischen Trouble, wenn sich die ganzen Politikunternehmer ständig zu Wort melden, auf Baisse spekulieren und das Land schlechtreden. Dann müssen wir irgendwann Hunderte Milliarden an Schulden machen, um die schlechte Lauen wieder zu vertreiben. Das ist, finde ich, keine günstige Variante.

Deshalb wäre es aus meiner Sicht besser, wir würden uns aufraffen und die Probleme anpacken. Aber wir wollen es leicht machen, jetzt mutig zu sein. Deshalb gehört zu dem, was Sie in den Zeitungen als Wachstumschancengesetz gelesen haben, auch die Aussage: Es gibt, zum Beispiel die Möglichkeit, Sonderabschreibungen für bewegliche Güter vorzunehmen – auch für den Wohnungsbau haben wir das getan – schlichtweg damit Sie bei der Frage: „Warte ich noch zwei Jahre, oder mache ich es jetzt?“ sagen: Jetzt! Das ist die Idee dahinter. Deshalb machen wir es auch nicht unbefristet, sondern vorübergehend, damit Sie nämlich jetzt gewissermaßen diese besondere Situation nutzen, um den eigenen Mut belohnt zu bekommen.

Ein Satz über unsere Zukunft: Was ist hier los? Wir investieren ziemlich viel aus öffentlichen Mitteln, viel mehr als viele denken: 54 Milliarden Euro aus dem Haushalt, Allzeithoch, 58 Milliarden Euro aus einem Klima- und Transformationsfonds, alles nächstes Jahr! In früheren Zeiten hätte man das ein gigantisches Konjunkturprogramm genannt. Das ist es nicht, weil es so investiv ausgerichtet ist und auch nicht die Politik der Zentralbank konterkarieren soll. Aber dahinter steht richtig Power, und sie wird sich in unserer Volkswirtschaft auch bemerkbar machen.

Das Gleiche gilt für das, was wir an privatwirtschaftlichen Investitionen in unserem Land erwarten dürfen. Batteriefabriken werden in Deutschland errichtet. Ein amerikanischer Autohersteller hat sich dazu entschieden, seine Europafabrik in Deutschland zu errichten. Zuletzt war es Ford in Köln. Das ist bald hundert Jahre her. Jetzt kommt noch Tesla nach Brandenburg und hat es dort gemacht.

Aber während das passiert und sie über Produktionsausweitungen nachdenken, diskutieren einige darüber, dass Deutschland ein schlechter Standort sei. Das ist unplausibel. In der Welt wird gerade diskutiert: Wie können wir uns sicherer aufstellen? Wie können wir sicherstellen, dass wir nicht von einer einzelnen Region abhängig sind, sodass Schwierigkeiten es uns nicht unmöglich machen, unsere ökonomische Tätigkeit aufrechtzuerhalten? Wie können wir deshalb dafür sorgen, dass wir in allen Weltregionen Halbleiterfabriken haben und dass Chips produziert werden?  Alle sagen: Wir machen das jetzt nicht nur in Asien, sondern auch in Amerika, und wir machen das in Europa. In Europa entscheiden sich praktisch alle relevanten industriellen Player der Welt dafür, das in Deutschland zu tun, im Saarland, in Magdeburg, in Dresden. Dort werden zig Milliarden investiert, privatwirtschaftlich. Der Staat gibt auch noch etwas dazu, weil es so eine Neuerung ist. In einer solchen Situation darüber zu reden, dass das ein eigenwilliger Standort sei, ist unplausibel. Sie bekommen auch woanders die öffentliche Förderung. Sie haben sich aber für den Standort Deutschland entschieden, übrigens auch deshalb, weil wir auch bei Halbleitern noch nie schlecht waren und immer ganz substanzielle Anbieter und Unternehmen hier in diesem Land gehabt haben, bis heute. Das alles zusammen macht diese Kraft aus.

Deshalb – ich komme zum Schluss – bin ich sehr dankbar dafür, dass ich hier sprechen konnte, dass ich gewissermaßen zu Ihrem Jubiläum hier das Wort ergreifen kann, aber dass ich Ihnen auch versichern kann, dass es auch weiterhin gelingen wird, dass die Marken, die aus Deutschland kommen, sich selbst in diesem Land und weltweit behaupten, und zwar wegen der guten Qualität, wegen der unternehmerischen Leistung, wegen der guten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wegen Forschung und Entwicklung und natürlich wegen des Schutzes der Marken, aber auch deswegen, weil Sie mit Ihren Marken – denn wir alle zusammen machen das aus – einen sehr großen Beitrag dafür leisten, dass es klappt mit Ihren Marken und dass es klappt mit der Marke Deutschland.

In diesem Sinne, schönen Dank für die Einladung!