Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz beim Festakt zum Generationenprojekt Emscherumbau am 1. September 2022

Sehr geehrter Professor Paetzel,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Ministerin,
sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
verehrte Abgeordnete,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
Meine Damen und Herren!

Am Anfang war pure Ungläubigkeit. Es gibt einen Dokumentarfilm über den Emscherumbau, in dem eine Straßenszene aus dem Jahr 1991 zu sehen ist. Gezeigt wird eine Frau, die zu Fuß eine Emscherbrücke überquert. Aus dem Off wird sie von einem Journalisten gefragt: „Können Sie sich vorstellen, dass hier in der Emscher in ein paar Jahren mal wieder Fische schwimmen?“ – Schlagartig ändert sich der Gesichtsausdruck der Frau: Irritation! Völliges Befremden! Was für eine abwegige Frage! Schließlich erwidert sie fast empört: „In dem Dreckwasser? Doch keine Fische!“

Die kleine Szene ist deshalb so aufschlussreich, weil sie uns innerhalb weniger Sekunden klarmacht, wie visionär dieses Generationenprojekt Emscher-Umbau war, dessen glückliches Gelingen wir heute feiern.

Als es vor 30 Jahren mit diesem Vorhaben losging, da konnte sich fast niemand auch nur vorstellen, dass die Emscher jemals wieder anders sein könnte – anders als das, was sie für die Bürgerinnen und Bürger dieser Region seit Menschengedenken gewesen ist: ein betonierter Abwasserkanal, eine offene Kloake, die übelriechende Karikatur eines Flusses.

Ganz früher war die Emscher tatsächlich einmal ein verträumtes Flüsschen gewesen, ein mäanderndes Gewässer mit klarem Wasser, mit großer Artenvielfalt in einer dünn besiedelten Auenlandschaft.

Aber dann, im 19. Jahrhundert, war die Industrialisierung angebrochen, und aus dieser ländlichen Region hier an Emscher und Ruhr entwickelte sich in rasendem Tempo der größte industrielle Ballungsraum der Welt. Kohlezechen und Stahlwerke, Fabriken und Brauereien, Millionen von Menschen – alle produzierten immer mehr Abwässer und Abfälle, die irgendwie entsorgt werden mussten. An eine unterirdische Kanalisation so wie anderswo war hier im Ruhrgebiet nicht zu denken; das konnte wegen der ständigen Bergsenkungen in der Kohleregion nicht funktionieren.

Und so wurde die Emscher vor einem guten Jahrhundert ganz offiziell zu dem umgewidmet, was sie fortan für Generationen von Bürgerinnen und Bürgern war: der zentrale Abwassersammelkanal des Ruhrgebiets. „Köttelbecke“ hieß der Fluss nun im Volksmund, oder einfach nur die „Schwatte“ – die „Schwatte“ mit dem „Dreckwasser“.

Meine Damen und Herren, heute stehen wir am Wasserkreuz Castrop-Rauxel an der hier bereits vollständig renaturierten Emscher und erleben, was noch vor drei Jahrzehnten völlig unmöglich schien – nicht nur für die Frau auf der Brücke. Heute fließt das Wasser der Emscher wieder glasklar und sauber. Heute geht von der Emscher kein fauliger Geruch mehr aus. Heute bedeutet es auch keinen sozialen Makel mehr, wenn jemand in einem Haus am Ufer der Emscher lebt – ganz im Gegenteil.

Das alles ist das Ergebnis des erfolgreichen Emscherumbaus. Dabei ist dieser Umbau nicht nur das weltweit größte Renaturierungsprojekt mitten in Deutschlands größtem Ballungsraum, sondern er ist auch eines der größten und innovativsten Infrastrukturvorhaben in Europa überhaupt. Denn alles, was wir hier oberirdisch sehen und erleben – der naturnah gestaltete Flusslauf und das klare Wasser – hat technische Voraussetzungen, die im Zuge des Emscherumbaus in den vergangenen 30 Jahren geschaffen wurden und die jetzt unsichtbar unter der Erde liegen.

Parallel zur Emscher sammelt heute der über 50 Kilometer lange neue Emscherkanal in bis zu 40 Metern Tiefe das Abwasser der gesamten Region. Insgesamt wurden mehr als 430 Kilometer neue unterirdische Kanäle gebaut – eine Strecke so lang wie die von hier bis Paris. Vier moderne neue Großkläranlagen reinigen das Abwasser, drei riesige neue Pumpwerke sorgen für das richtige unterirdische Gefälle. Das alles zusammen ist ein großartiger Beleg für innovative deutsche Ingenieurskunst und gute Arbeit, für die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis.

Das alles zusammen verdeutlicht zugleich die riesigen Dimensionen des Emscherumbaus. Insgesamt 5,5 Milliarden Euro wurden für dieses Generationenprojekt aufgewendet, eine großartige Innovation in bessere Lebensqualität hier im Ruhrgebiet.

Zum Erfolg gehört dabei übrigens auch, dass die Emschergenossenschaft dieses gesamte riesige Infrastrukturvorhaben pünktlich und im Rahmen der veranschlagten Kosten zu einem guten Ende geführt hat. Wir sehen daran: It can be done. Auch in dieser Hinsicht ist der Emscher-Umbau also ein echtes Vorbild.

Meine Damen und Herren, ich will den Rahmen aber noch etwas weiter aufspannen. Vor drei Jahrzehnten konnte sich so gut wie niemand vorstellen, dass aus der Emscher je wieder ein sauberer Fluss werden würde. Nochmals drei Jahrzehnte früher, im Jahr 1961, hatte Willy Brandt gefordert: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“ Auch das konnte sich seinerzeit niemand vorstellen; auch das wurde zunächst als naives Wunschdenken abgetan. „Kübel voller Hohn“ seien wegen dieses Satzes über ihm ausgekippt worden, schrieb Brandt. Heute wissen wir: Willy Brandt hat mit diesem Satz vor sechs Jahrzehnten in visionärer Weise das umweltpolitische Umdenken in Deutschland angestoßen.

Inzwischen ist der Himmel über der Ruhr tatsächlich längst wieder blau, heute ganz besonders, und in der Emscher schwimmen tatsächlich wieder Fische. Das zeigt, dass am Ende nicht die Kleingläubigen, die Mutlosen und Resignierten Recht behalten, sondern diejenigen, die gute Ideen haben und sich große Ziele setzen, die sich etwas vornehmen und an die Arbeit gehen, auch wenn das Ziel manchmal zuerst unerreichbar scheint und der Weg dorthin endlos. Das ist für mich die wichtigste Lehre überhaupt, die wir in Deutschland insgesamt aus dem Erfolg des Emscherumbaus ziehen können, aber auch ziehen müssen: Es kommt darauf an, dass wir uns mutig große Ziele setzen.

Denn heute steht unser Land insgesamt vor enormen Aufgaben, und viele fragen sich etwas bang: Bekommen wir das denn hin? Da sind die steigenden Preise und die Energieknappheit; da ist die Klimakrise mit all ihren Auswirkungen, auch denen, die wir gerade erst in diesem trockenen Sommer in unseren Flüssen erlebt haben. Ich weiß, dass sich manche gerade nicht so recht vorstellen können, wie das am Ende alles gut ausgehen kann. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Das kann gut ausgehen, und das wird auch gut ausgehen.

Das wird gut ausgehen, weil wir die Transformation unseres Landes hinaus aus den fossilen Brennstoffen jetzt beherzt anpacken. Wir packen sie an, indem wir in Zukunftstechnologien wie Wasserstoff investieren. Wir packen sie an, indem wir neue internationale Energiepartnerschaften aufbauen. Wir packen sie an, indem wir beim Ausbau erneuerbarer Energie und bei der digitalen Infrastruktur Bremsklötze herausnehmen und Verfahren beschleunigen. Das ist unser Weg. Denn wir haben uns dazu verpflichtet, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral sein und zugleich hochmodernes Industrieland bleiben soll. Auch das ist ein Generationenprojekt, und auch dafür brauchen wir einen langen Atem – genau so, wie Sie alle ihn hier beim Emscherumbau bewiesen haben.

Dafür brauchen wir Zusammenhalt, wenn es schwierig wird, und müssen dabei diejenigen unterhaken, die aus eigener Kraft nicht so schnell mitkommen. Das tun wir, etwa indem wir den Schulterschluss mit Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmern und der Wirtschaft und auch zwischen Wissenschaft und Politik suchen. Denn den großen Umbau, der jetzt vor uns liegt, werden wir nur gemeinsam hinbekommen. Darum werden wir diesen Weg gemeinsam gehen. Genau darauf kommt es an.

Meine Damen und Herren, auch Sie haben es unterwegs mit manchen Zweiflern zu tun gehabt, die sich den Erfolg, den wir heute feiern, ganz einfach nicht vorstellen konnten. Sie haben trotzdem weitergemacht, und heute sind wir alle gemeinsam hier. Darum gilt mein großer Respekt allen, die über drei Jahrzehnte hinweg ihre Kraft und ihr Herzblut in dieses große Gemeinschaftswerk des Emscher-Umbaus gesteckt haben. Wir haben ja gesehen, dass manche jetzt schon pensioniert oder verrentet sind. Das zeigt, wie lang und andauernd das Projekt war. Aber Sie haben uns allen gezeigt, dass es geht. Ihre Arbeit ist ein fantastisches Beispiel gelingender Transformation und ein leuchtendes Vorbild für unser Land.

Vielen Dank.